9. Kapitel: Ein magisches Kraut aus dem Busch
Während meine Tour durch die Kimberleys wohl die interessanteste, lehrreichste und spannendste meines Australienaufenthaltes war, ist meine Reise durch das tropische Nordqueensland vom Spaßfaktor her nicht zu überbieten gewesen. Ich machte einige ganz neue Erfahrungen—unter anderem auch mit einer Droge der Aborigines. Das aber eher unabsichtlich, doch hier ist die Geschichte:
Mit zehn Leuten und dem Tourguide Matt machten wir uns in einem geländegängigen Bus auf den Weg. Matt war dabei ganz nach meinem Geschmack, denn er ist witzig, cool, bringt selbst Marshmallows für das Lagerfeuer mit (sonst habe ich die immer in Eigeninitiative gekauft), bietet endlich einmal ein richtiges Müsli zum Frühstück statt billiger Cornflakes, macht sein Kräuterbrot fürs Abendessen selbst und hat, das ist der größte Pluspunkt, enorme Ahnung von australischem Bushtucker.
Der erste Tag der Reise wartete einmal mehr mit Regenwetter auf, aber ich nahm es gelassen, denn immerhin ging es ja in den REGENwald des Atherton Tablelands. Da wir eine sehr junge Truppe sind, entscheidet Matt, dass wir nicht die üblichen, ausgetretenen Touristenpfade und – attraktionen besuchen sollten, sondern eine ganz besondere Wanderung durch den Wald unternehmen sollten. So plant er, einen eher unbekannten und kaum besuchten Wasserfall mit uns zu besichtigen, statt an den Hauptsehenswürdigkeiten Queenslands tot getrampelt zu werden. Dieser Wasserfall liegt mitten im Dschungel,
und so verlassen wir nach einer kurzen Fahrt die befestigte Strasse und fahren querfeldein über Feldwege durch die ausgedehnten Zuckerrohrfelder Queenslands. Am Rand des Waldes angekommen nimmt Matt erst einmal seine Machete zur Hand und schlägt eine Stange Zuckerrohr ab, lässt uns alle einmal probieren. Wie zu erwarten ist es süß und lecker…
Dann geht es daran, in den Busch vorzudringen. Aber nicht auf normalem Wege, denn der Guide fordert uns auf, unsere Schuhe auszuziehen. Nur so könnte man den Regenwald und seinen feuchten, weichen Boden richtig erfahren! Und nur nackte Füße geben auf den feuchten, regennassen Felsen und Steinen im Wald richtigen Halt. So erlebe ich eine neue Premiere: Eine Barfusswanderung durch den australischen Dschungel…
Und panisch blicke ich ständig an mir herab, denn meine Erfahrungen im tasmanischen Regenwald haben mich eines gelehrt: Während Moskitos mich nur als Notlösung akzeptieren,
scheinen die blutgierigen Landblutegel der ganzen Gegend sich in den Büschen anzusiedeln, nur um endlich einmal von mir saugen zu können.
Zum Glück konnte ich es vermeiden, einen solchen blinden Passagier aufzulesen.
Der Boden im Wald ist angenehm weich und feucht und es ist ein ganz neues, entspannendes Gefühl, so herumzulaufen. Naja, so lange, bis man in die stacheligen Ranken einer Pflanze tritt, die „Wait a while“ heißt, also „Warte ein bisschen“. Sie verhaken sich mit ihren Widerhaken in Haut und Kleidung und man braucht Geduld und etwas Zeit, sich wieder zu befreien. Überall im Dschungel kann man diese dornigen Lianen sehen und man muss wirklich aufpassen, nicht in eine zu treten oder hängen zubleiben.
Matt ist hier im Wald ganz in seinem Element, er erläutert uns allerlei Pflanzen, zeigt uns Medizinpflanzen und welche man als Nahrungsmittel und Gewürze benutzen kann. Und wir dürfen auch einige Blätter und Früchte probieren, wobei Matt uns an dieser Stelle auf etwas Wichtiges aufmerksam macht: „Bushtucker ist mein Hobby. Ihr könnt alles probieren, was ich euch gebe. Aber passt gut auf—ihr solltet immer darauf achten, ob ich es auch esse. Alles was der Tourguide selbst probiert, ist ungefährlich. Ich habe nämlich auch einmal einem frechen Amerikaner Fledermauskot gegen Durchfall empfohlen und er hat das tatsächlich probiert, bevor ich ihn zurückhalten konnte…“
Na gut, diese Warnung war deutlich!
Wir klettern über 45 Minuten über Felsen, laufen auf dem Mulchboden und stehen dann endlich vor dem Wasserfall, der in mehreren Kaskaden über glatte Felsen fließt. Wer will, darf im kühlen Pool zu Füßen des Wasserfalls schwimmen—was mir bei diesem Wetter eindeutig zu kalt ist.
Die Felsen hier sind Granit, die ganze Umgebung ist vulkanischen Ursprungs. So werden wir noch einige Zeugnisse der bewegten Erdgeschichte sehen, wenn wir am nächsten Tag die heißen Quellen und die Lavatunnel besichtigen werden.
Das Mittagessen nehmen wir etwas entfernt, im Dschungel, neben den berühmten Millaa- Millaa- Falls ein. Diese prächtigen Wasserfälle tragen ihren Aborigine- Namen, der soviel wie „Wasser Wasser“ bedeutet. Ein Wort für „viel“ kennen die meisten Stämme nicht, so steht eine Wiederholung des Wortes für eine größere Menge. Die Wiederholung „Wasser Wasser“ ist somit in Queensland ein typisches Zeichen für einen großen Wasserfall, der das ganze Jahr über viel Wasser führt. Die Millaa- Millaa- Fälle werden nicht ohne Grund als mit die schönsten Fälle Australiens bezeichnet. Neben meinen persönlichen Favoriten, den Russell- Falls in Tasmanien, sind sie wirklich die herrlichsten, die ich während meiner Reise gesehen habe, denn es ist schon beeindruckend, wie dieser gewaltige Wasserstrom sich direkt aus dem dahinter liegenden, dunklen Dschungel in die Tiefe zu ergießen scheint.
Auf unserer Fahrt durch den Wald sehen wir aber noch andere Wunder, wie zum Beispiel einen gewaltigen, über 500 Jahre alten Urwaldwürgefeigenbaum, der passend wegen seiner vielen, nach unten hängenden Wurzeln „ Curtain Fig Tree“, also „Vorhangfeigenbaum“, heißt. Unseren Besuch bei den Crater lakes, vulkanischen Kraterseen, müssen wir wegen des Regens, der mittlerweile eimerweise von oben kommt, etwas verkürzen, trotzdem sehen wir die typischen Schützenfische und die „Bottom breather Turtles“, Schildkröten, die auch mit ihrem Enddarm Luft holen und so atmen können.
Unser Lager schlagen wir am Abend in Regenwald an einem See mit gemütlicher Hütte auf.
Zu unserer Überraschung steht vor dem Abendessen noch eine kleine Kanufahrt auf dem See an, in dem es Süßwasserkrokodile, Schnabeltiere und viele, viele Vögel gibt. Außerdem sollen wir auf die Bäume achten, denn hier lebt eine größere Population von Baumkängurus, die einzige Möglichkeit auf dieser Tour, diese seltenen und scheuen Tiere zu Gesicht zu bekommen. Außer den vielen Vögeln und den kleinen Wellen eines Schnabeltieres in der Ferne bekommen wir aber kaum etwas zu Gesicht, dafür haben wir aber viel Spaß bei unserer Bootstour uns spritzen uns gegenseitig nass und klettern lachend wieder ans Ufer, wo wir erst einmal mehrere Meter durch Knöchel hohen Schlamm waten müssen, bevor wir festen Boden erreichen. Da wir keine der Baumkängurus gesehen haben, verspricht uns Matt noch eine Nachtwanderung, vielleicht treffen wir dabei auf die nachtaktiven Tiere.
Im Allgemeinen erinnert mich das Atherton Tableland sehr an meine Eindrücke, die ich im tasmanischen Winter gesammelt habe. Überall die Feuchtigkeit auf der Vegetation, der Nebel, der aufsteigt, der Regen, die Kuhweiden und das wolkige Wetter—
nur die höhere Temperatur, die weißen Ibisse auf den Weiden und die Araukarien statt der Pappeln neben den Feldern und natürlich die riesigen Baumfarne, die viel höher sind als die Farne im tasmanischen Regenwald zeigt mir, dass ich mich im hohen Norden des Kontinents befinde.
Am Abend gibt es ein leckeres Barbeque, mit Fisch, Steaks und endlich einmal etwas ganz Besonderem: Nämlich echten Känguru- Steaks. Bisher bekam ich das nur sehr selten vorgesetzt (außer in Tasmanien, wo mein Chef mich mit Wildfleisch von seinen Jägerfreunden versorgte), da weiße Australier Känguru- Fleisch verabscheuen. Für sie ist das nur Futter für Tiere, Aborigines oder aber auch Touristen. Aber nichts, was man selbst essen oder weiterempfehlen würde…
Da man Känguru- Steaks auch medium-rare essen sollte, also blutig, da sie so noch saftig und nicht zu trocken sind, sind sie wirklich nicht jedermanns Sache. Ich finde es natürlich spitze, dennoch sind die drei Schweizer Jungs aus der Tourgruppe etwas angeekelt, als ich mit großem Appetit das blutige Fleisch esse und mir dabei etwas Blut von den Fingern tropft.
Naja, so blieb eben mehr für mich…
Dann ist es endlich dunkel genug für unsere Nachtwanderung. Wir alle bewaffnen uns mit großen Lampen und beginnen, durch den Busch um unser Lager herum zu schleichen.
Und wir haben sogar etwas Glück, denn wir sehen sogar 4 Opossums in den Bäumen sitzen. Aber statt Baumkängurus begegnen wir sonst nur den großen, giftigen Zuckerrohrkröten—
Amphibien, die einst nach Australien eingeschleppt wurden, um einem Schädling, dem Zuckerrohrkäfer, Herr zu werden. Doch man hatte diese biologische Schädlingsbekämpfung durchgeführt, ohne die Lebensgewohnheiten der Tiere zu beachten: Der Käfer lebt an der Spitze der Pflanze, während die Kröte hierfür zu schwer ist und den Boden bevorzugt.
So kam die Kröte nie zum Käfer, und musste sich andere Nahrung suchen. Leider fressen diese großen Kröten alles, was ihnen unter die Augen kommt und sind dabei auch noch so giftig, dass ihnen kein Fressfeind gefährlich werden kann. Im Gegenteil, sie vergiften auch noch die Tiere, die ihre rasante Vermehrung aufhalten könnten. Diese Kröten fanden in Australien also einen perfekten Lebensraum vor, und sie verbreiten sich in einer beängstigenden Geschwindigkeit. Sie sind eine Gefahr für ganze Ökosysteme und auch für den Menschen und seine Haustiere—Dutzende Kinder und Hunde müssen jedes Jahr wegen einer Vergiftung behandelt werden, nachdem sie mit einer Kröte gespielt hatten. Die größte Bedrohung besteht im Moment für die Sumpflandschaft des Kakadu- Nationalparks, denn gerade dort wurden vor kurzem die ersten bösen Zuwanderer gefunden. Ob dieser Prozess aufzuhalten ist und dadurch viele Tiere vor dem Tod oder gar dem Aussterben gerettet werden können, bleibt aber fraglich.
Kurz vor dem Schlafengehen stellte sich dann noch die wichtige Frage:
Wer geht in welches Zelt?
Immerhin gab es ein Zelt, vor dessen Eingang sich eine wunderschön bunte aber handtellergroße „Golden Orb“ – Spinne in einem riesigen Netz niedergelassen hatte.
Niemand wagte sich in deren Nähe, obwohl diese großen Spinnen eigentlich harmlos sind.
Was Spinnen betrifft, scheint es in Australien folgende Regel zu geben:
Je kleiner sie sind, desto vorsichtiger muss man mit ihnen sein, denn immerhin haben die gefährlichen schwarzen Witwen, die „Redbacks“, nur eine Körperlänge von einem Zentimeter, während die eher harmlosen Jagdspinnen, die „Huntsmen“, durchaus die Größe einer Männerhand annehmen können. So entscheide ich mich schließlich für das Zelt mit Spinne, was mir wichtige Vorteile bringt:
Ein Zelt ganz für mich alleine und dazu einen praktischen Mückenschutz am Eingang.
Nach dem Frühstück am nächsten Tag machen wir uns nach einer halbstündigen Fahrt über eine unbefestigte Straße zu einer kleinen Wanderung im Silver Valley auf. Damit verließen wir den Regenwald und kamen in trockeneren Busch. Hier müssen wir einen sehr rutschigen Abhang hochklettern und ein „ausgetrocknetes“ Flussbett wieder hinunter, wobei man anmerken muss, dass die Oberfläche er nassen Felsen dort fast glatt wie Eis war, wodurch die ganze Angelegenheit viele blaue Flecken einbrachte. Auf dem Gipfel des Hügels, den wir erklommen, gab es einige Felszeichnungen zu sehen, aber diese waren n natürlich nichts im Vergleich zu dem, was ich in den Kimberleys gesehen hatte. Sie waren sehr primitiv und laut Matt dienten sie auch keinen Kulthandlungen, sondern waren wohl nur zum Unterricht der Kinder bestimmt. Vom Gipfel des Hügels aus hatte man eine schöne Aussicht über den umliegenden Busch und wir legten eine kleine Imbisspause ein, um diese zu genießen.
Mittagessen gab es an den Heißen Quellen des Städtchens Emmerton und begeistert planschten wir mit nackten Füßen im Wasser des kleinen Baches herum—
wobei man aber höllisch aufpassen musste, nicht genau auf eine Stelle zu treten, wo das heiße Wasser aus der Erde kam, denn dort konnte man sich sehr schnell die Füße verbrennen.
Zum Glück kann man so eine gefährliche Stelle sehr leicht an den dort aufsteigenden Luftblasen und dem feinen Nebel über dem Wasser erkennen.
Danach mussten wir einige Stunden durchs Outback fahren—denn unser nächstes Ziel lag im Hinterland, in der trockenen Savanne, der Undara Volcanic National Park. Hier liegen die größten, längsten und best erhaltensten Lavatunnel der Welt, die vor 20 Jahren noch gänzlich unentdeckt waren. Denn bis vor wenigen Jahrzehnten hielt man Australien für einen geologisch völlig inaktiven Kontinent und rechnete erst gar nicht mit solchen Erscheinungen.
Mittlerweile beweisen aber die vielen heißen Quellen und Vulkankrater im ganzen Land das Gegenteil, nämlich, dass die Erde unter dem roten Kontinent durchaus sehr aktiv ist.
Ein Nationalparkranger führt unsere Gruppe durch die gewaltigen Höhlen, denn der größte Teil der vielen, vielen Kilometer Tunnellänge ist gesperrt, da der Aufenthalt dort sehr gefährlich ist. Überall kann Kohlendioxid austreten und damit einen Menschen plötzlich bewusstlos umfallen lassen. Die Lavatunnel sind über 100000 Jahre alt und somit auch die ältesten ihrer Art auf der Welt. Sie bieten Heimat für ein ganzes Ökosystem an Tieren, hier leben viele verschiedene Feldermausarten, Spinnen, riesige Hunderfüßler und Schaben und auch viele Schlangen. Und in der massig angeschwemmten Erde, die sich überall in den Höhlen angesammelt hat, findet man immer wieder die Knochen ausgestorbener Tiere wie dem Diprotodon, einem riesigen Wombat, das fast so groß wurde wie ein Nashorn. Denn noch während der letzten Eiszeit, als bereits Menschen in Australien lebten, gab es auf dem Kontinent noch eine „Megafauna“, ganz ähnlich wie in Afrika: Mit 3 Meter hohen Kängurus, riesigen Wombats, einem Beutellöwen und einem riesigen, gefährlichen Waran, einem Reptil, das so groß wurde wie ein Krokodil, aber nicht im Wasser sondern im Busch auf Beute lauerte. Heute sind alle diese Tiere ausgestorben, wofür man einerseits natürlich das Ende der Eiszeit verantwortlich macht und natürlich zum anderen den Menschen, der ja überall auf der Welt dafür bekannt ist, seine Umwelt auf sehr drastische Art zu verändern. Skelette dieser ausgestorbenen Tiere kann man in vielen Museen in ganz Australien bewundern, was einem einen kleinen Einblick verschafft, welche Vielfalt der Kontinent mit ihnen verloren hat.
Die Lavatunnel Undaras sind wirklich beeindruckend und nicht schwarz, wie man das von vielen anderen Lavahöhlen gewohnt ist, sondern bunt, da sie lange genug existiert haben, damit Mineralien auskristallisieren konnten. Während der Führung lerne ich auch noch etwas Neues über das Leben der Kängurus, das der Ranger zum Besten gibt: So brauchen Kängurus die Asche der abgebrannten Teile das Waldes nach einem Buschfeuer als essentiellen Teil ihrer Nahrung, wohl wegen der vielen enthaltenen Mineralstoffe.
Nach der Führung sehen wir uns am Abend von einem nahe gelegenem Aussichtspunkt aus einen feurigen Sonnenuntergang an, bevor wir unser Camp nahe dem Besucherzentrum des Nationalparks beziehen. Hier schlafen wir in Swags neben dem Lagerfeuer, mit Blick auf das helle Sternenzelt über uns.
Den nächsten Tag beginnen wir mit einer Wanderung auf einen der nahe gelegenen Vulkankrater, den Kalkani- Krater. Von seinem Kraterrand aus hat man einen schönen Ausblick auf die dutzenden anderen Krater, die es in der Gegend gibt, der Grund, wieso der ganze Boden bedeckt ist mit vielen, vielen vulkanischen Tuffsteinen, die mit ihren vielen Luftblasenlöchern wie Schwämme aussehen. Matt erklärt uns auch, dass es hier sehr schwer ist, Steine für die Begrenzung des Lagerfeuers zu finden. Denn legt man so einen Tuffstein um das Feuer, wird sich die Luft in den Blasen in seinem Inneren durch die Hitze ausdehnen, was dazu führt, dass der Stein explodiert. Das wäre ein sehr unromantisches Feuer, wenn ständig neben einem etwas anderes hochgeht…
Über einen unbefestigten Schotterweg setzen wir unseren Weg durch das outback Queenslands fort. Unterwegs legen wir eine kleine Pause ein, denn Matt hat einige Büsche am Wegesrand entdeckt. Diese Büsche, genannt „Heath Myrtle“, haben nur sehr kleine Nadeln beziehungsweise Blättchen an ihren Zweigen und sie sind von vielen, kleinen roten Blüten bedeckt. Der Strauch und alle Teile von ihm riechen angenehm aromatisch und laut Matt ist dies ein weiteres gutes Beispiel für Aborigine- Bushtucker. Der Guide reißt einige Zweige der Büsche ab und reicht sie herum, er fordert uns auf, auf ihnen herumzukauen, die Blüten auszusaugen und diese auch in unsere Wasserflaschen zu geben. Auch die Aborigines kauten auf den Zweigen dieser Pflanzen herum, würden ihr Wasser damit versetzen und außerdem auch morgens den Tau von den Pflanzen sammeln.
Bushtucker!
Das Wort, das bei mir eine fast instinktive Reaktion hervorrief. Ich lasse es mir nicht zweimal sagen, dass ich von dieser Pflanze probieren darf und stürze mich natürlich auf die armen Pflanzen, ganz so wie die meisten anderen aus der Gruppe auch. Sogar die drei Schweizer, die sonst eher zurückhaltend sind, finden Geschmack an dem Aroma. In unserer Begeisterung verletzen wir dabei leider aber eine der wichtigsten Regeln, die Matt uns am Anfang erklärt hat: Iss nichts, was nicht der Tourguide selbst auch isst!
Denn kaum haben die meisten von der Gruppe das Zeug probiert, und ich auch einen kleinen Vorrat eingepackt, als endlich jemand auf die Idee kommt zu fragen:
„ Matt, warum isst du nicht auch davon?“
Mit einem Mal grinst der Guide über das ganze Gesicht, ein richtig freches Grinsen, schadenfroh, wie über einen gelungenen Streich: „ Ich muss ja noch Auto fahren…“
Was folgte war erst einmal Stille.
Wir schauten uns gegenseitig an. Was hatten wir da gerade gegessen?
Die Erklärung folgte sofort. Lachend erklärte Matt, dass diese Pflanze, die „Heath Myrtle“ von den Aborigines als Aufputschmittel, als eine Art Droge, verwendet wird. Sie bekämpft das Hungergefühl und den Durst, vermindert die Schweißsekretion, wirkt anregend und macht euphorisch. Ein Zuviel davon kann aber Durchfall und Herzrasen verursachen.
Na toll.
Da hatte dieser Mensch, der nun grinste wie ein Honigkuchenpferd, seine leichtgläubige Gruppe unter Drogen gesetzt! Mir lief es eiskalt den Rücken runter und ich überlegte einige sehr schmerzhafte Mordmethoden, für den Fall, dass ich Durchfall bekam. Zum Glück hielt mein angespannter Zustand, in dem ich panisch auf irgendwelche verdächtigen Symptome lauerte, nicht lange an, obwohl ich nach einer halben Stunde das Herzrasen gut nachvollziehen konnte. Denn Matt sorgte recht schnell für Ablenkung, in dem er uns im nächsten Ort zu einem kleinen Laden für Aborigine- Kunst brachte. Der Ladeninhaber, ein Ureinwohner, war ein Freund von Matt und stellte selbst Didgeridoos her, die er auch selbst bemalte. Hier bekamen wir eine kleine Darbietung darüber, wie man das Instrument spielt und wie es sich anhört, wenn man eine ganze Geschichte damit erzählt, mit all den verschiedenen Tierlauten und Rhythmen.
Als ich den laden betrete, fällt mir als erstes ein circa 1,5m langes Didgeridoo ins Auge, das mit vielen krabbelnden Ameisen bemalt ist. Das ist das Instrument, das ich mir schnappe, nachdem wir alle aufgefordert werden, selbst ein Didgeridoo zu nehmen und darauf zu spielen. Zuerst ist unsere Gruppe etwas überfordert und traut sich nicht recht, dann aber veranstalten wir einen gewaltigen Lärm und haben viel Spaß, denn wir steigern uns regelrecht in eine musikalische Ekstase hinein. Sogar den sonst so ruhigen Schweizern sieht man ihre ungehemmte Freude an, als sie die ersten Laute aus dem Instrument herausholen. Und auch ich schaffe es zum ersten Mal in meinem Leben, den richtigen Laut zu erzeugen. Ich hatte es ja schon so oft versucht, aber ich hatte es nie geschafft, meine Lippen gegen das Holz so vibrieren zu lassen, dass ein Ton herauskommt. Bisher hatte ich mich einfach immer zu sehr auf das Blasen konzentriert, dabei war die wichtigste Regel: Weniger blasen, mehr vibrieren!
Was uns wohl am meisten geholfen hat, war wohl, das wir alle in diesem Moment sehr entspannt waren, voller Tatendrang und sehr glücklich—kurz gesagt, in der richtigen Verfassung, uns ganz auf das Didgeridoo- Spielen einzulassen.
Ich bin von meinen neuen Erfolgen so sehr begeistert, dass ich mir tatsächlich das mit den Ameisen bemalte Instrument kaufe—ein echtes Schnäppchen, da es ein echtes Aborigine- Didgeridoo aus dem Outback ist und keines der nachgemachten Holzrohre aus dem Touristenladen, die wahrscheinlich aus Korea stammen.
In den Touristenläden kosteten Instrumente dieser Größe oft das doppelte als die von dem Künstler verlangten 100$ und die darauf gemalten Ameisen passen perfekt zu mir!
Nachdem wir den Laden wieder verlassen haben und ich stolz meine Neuerwerbung in den Händen halte, kommt mir endlich der gewisse Verdacht, dass unser Guide die Aborigine- Drogen absichtlich an uns verfüttert hat, immerhin machten sie uns entspannt und ausgelassen genug, auf den Aborigine und seine Musik ganz einzugehen.
Wenn ich heute zurückdenke, vermute ich, dass der Wirkstoff in der australischen Heath Myrtle ähnlich dem ist, der im Kathstrauch im Jemen enthalten ist. Kath ist die Volksdroge im Jemen und wegen seiner euphorischen Wirkung ist die Einfuhr dieser Pflanze nach Deutschland verboten. Doch die beschriebenen Effekte dieser Pflanze gleichen doch sehr denen, die ich am eigenen Leib erfahren habe.
Von diesem Tag an bin ich mit meinem Didgeridoo durch Australien gezogen und habe natürlich regelmäßig geübt. Zuerst fiel es mir sehr schwer— aber ich hatte ja verstanden, dass man dazu sehr entspannt sein muss und versuchte mich ganz auf eine ruhigere Körperhaltung zu konzentrieren. Nach 2 Wochen schaffte ich es dann endlich, ganz ohne Drogen, meinen Erfolg zu wiederholen. Mittlerweile kann ich auch einige Tiere nachahmen, den Kookaburra, den Dingo, das Kangaroo, das Krokodil…
Und das verdanke ich der Hilfe meines tasmanischen Tierarztes, der einen befreundeten Musiker, ein echtes uriges Original aus dem Busch, als meinen Didgeridoo- Lehrer engagierte.
Am Nachmittag erreichten wir eine Goldmine im Outback, unser nächstes Ziel. Mitten im Busch breitete sich eine ganze Ruinenstadt vor uns aus, Ruinen aus der Zeit eines kurzen, aber heftigen Goldrausches, als hier tausende von Menschen lebten. Heute wird dort kein Gold mehr gefunden, aber die Mine ist noch gut in Schuss, sogar die Maschinen zum Zerkleinern des Erzes funktionieren noch. Eine Familie lebt dort, hat einige alte Hütten für Touristen zur
Übernachtung renoviert und vor allem die Oberschicht Australiens schätzt diese ruhige und abgelegene Anlage sehr. Kurz vor meiner Ankunft hatte sich sogar einmal Kylie Minoque dort einquartiert.
Wir besichtigen die Mine und das kleine Museum im Haus der Familie, wo alles so aussieht wie zur Zeit des Goldrausches vor 100 Jahren. Und am Abend genießen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang vom Aussichtspunkt aus, bevor wir am Lagerfeuer erneut unsere Swags ausrollen und unter dem Sternenhimmel träumen.