8. Kapitel: Panik am Great Barrier Reef

Das längste Korallenriff der Welt mit seinem Unterwasserdschungel übte seit meiner Kindheit eine gewisse Faszination auf mich aus. Bei einem Abstecher nach Queensland musste ich also unbedingt ans Great Barrier Reef!

Die Jugendherberge in Cairns erwies sich dabei als eines der besten Hostels, in denen ich während meiner Rundreise übernachtet hatte. Sie war vor allem gut organisiert mit freundlichem Service, die Räume sauber und mit eigenem Bad, es gab eine große Küche zum selber Kochen und einen kleinen, schön angelegten Swimming Pool im Innenhof. Trotz der Hitze waren die Räume nicht stickig und überheizt wie häufig anderswo und—Bonus—man hatte seine eigene kleine Leselampe über den Betten. Was mich aber in der Jugendherberge am meisten beeindruckt hat, waren die Leute, die ich dort angetroffen hatte und die mit mir ein Zimmer teilten.

Zuerst fand ich es etwas befremdlich, das Zimmer mit zwei alten Damen zu teilen, beide schon um die 70 oder älter. Aber die beiden boten ein Maß an Unterhaltung, wie ich es nicht erwartet hatte!

Sie hatten sich selbst erst vor kurzem kennen gelernt, die eine pensionierte Lehrerin aus den Niederlanden, die in ein paar Wochen nach Südafrika aufbrechen würde, um dort ihren Lebensabend damit zu verbringen, kleinen schwarzen Kindern das Lesen und Schreiben beizubringen. Die andere, Ruth, eine alte Engländerin, die von ihren Enkeln als die coolste Oma der Welt bezeichnet wurde. Denn sie hatte es sich zur Aufgabe gemacht, noch einmal die Welt zu sehen—ich stehe noch immer in Kontakt zu ihr, und erst vor kurzem erreichen mich E-Mails, aus Neuseeland und Südafrika, wo sie wohl ihre in Cairns gefundene Freundin besuchte. Obwohl Ruth schwerhörig war und ihr das Alter schon zu schaffen machte, war sie eine Person, die wohl niemals aufgeben würde und die altersbedingte Hindernisse so nicht hinnahm. Sie hatte keinerlei Probleme damit, sich von jedem etwas dreimal erzählen zu lassen, wenn sie es nicht genau verstanden hatte, auch wenn sie damit den Menschen vor ihr etwas auf die Nerven ging. Da blieb sie hart! Nun hatte sie sich zum Abschluss ihrer Australienreise vorgenommen, eine geführte Tour zum Cape York, dem nördlichsten Punkt Australiens, zu machen. Eine Wildnis, die ich selbst noch irgendwann einmal in meinem Leben sehen wollte, auch wenn mir im Moment das Geld fehlte. Ruth schickte mir später einige Bilder, die mich dann nur noch dazu bekräftigten, denn es scheint, mehr noch als die Kimberleys, ein menschenleeres und unberührtes Gebiet zu sein. Nun stand diese rüstige Abenteuerin kurz davor, in den Busch aufzubrechen, aber sie berichtete mir, dass sie nie zuvor in der Wildnis beim Camping war! Nach meinen Erzählungen von meinen Abenteuern in den Kimberlys hatte sie natürlich DEN Ansprechpartner gefunden. So teilte ich ihr mit, sie solle sich unbedingt eine Taschenlampe, Thermounterwäsche und gute Wandersocken besorgen und falls das Geld reichte, einen guten Schlafsack, da die, die die Tourorganisationen zur Verfügung stellen, oft mehr schlecht als recht waren.

Ich berichtete ihr genau von meinen eigenen Abenteuern und konnte somit einige ihrer Ängste ausräumen, z.B. die alte Angst, am Morgen mit einer Giftschlange im Schlafsack aufzuwachen. Im Gegenzug dazu berichtete mir Ruth vom Riff, den Fischen und wo es sich am meisten lohnte, Schnorcheln zu gehen. Die beiden alten Damen waren extra bei einer Riffschulung gewesen, wo ein Biologe die Touristen in die Geheimnisse der Unterwasserwelt einwies und kleine Bestimmungsbögen für Fische verteilte. Und auch sonst waren die beiden sehr aktiv, haben in der kurzen Zeit, die sie zusammen verbrachten wohl mehr von Cairns gesehen als ich. Das waren mit Sicherheit die coolsten Omas der Welt!

Nach den ganzen Berichten von der Schönheit des Riffs und auch der ganzen Werbung um mich herum in Cairns, brach ich dann am Morgen auf, um mit einem der Tourboote im Hafen in See zu stechen. Doch wieder einmal spielte mir das Wetter einen Streich, denn an diesem Tag war es windig, bewölkt, mit einem gewissen Wellengang und im Wasser mit 23 Grad wärmer als an der Luft. Ich dankte Gott dafür, dass ich daran gedacht hatte, meine Seekrankheitskaugummi mitzunehmen!

Gegen die kühlen Temperaturen bekommt jeder Tourist einen Nasstauchanzug verpasst und wird zum Schnorcheln mit Maske, Schnorchel und Flossen ausgestattet. Nach einer kurzen Einweisung in Schnorcheltechniken und unserer Versicherung, alles auf eigene Gefahr zu machen, durften wir dann auch schon ins Wasser. Ich stürze mich hinein, als alter Hase am Wasserloch, immerhin habe ich ja schon in Filmen das herrliche Schweben in der Unterwasserwelt kennen gelernt und all die bunten Fische unter einem…

So springe ich vom Boot ins Meer—

und bereue es augenblicklich. Denn ich bekomme Panik!

Die Wellen, der ungewohnte Umgang mit dem Schnorchel und vor allem das Riff tief unter mir, eine Tiefe, die meine Höhenangst auslöst, all das kommt auf einmal zusammen.

Verzweifelt klammere ich mich ans Boot, hyperventilierte und bilde mir ein, keine Luft mehr zu bekommen. Ja, eine Panikattacke bei so etwas harmlosem wie Schnorcheln!

Gerade war die Schiffsmannschaft dabei zu überlegen, ob sie mich retten soll, als es mir endlich gelingt, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Ich signalisiere dem Boot, dass ich okay bin und konzentriere mich auf einige Fische nahe der Oberfläche und folge ihnen zu einem aus dem Wasser ragenden Riffblock in der Nähe, ohne weiter an die Tiefe unter mir zu denken.

Ich gebe ehrlich zu, dass mir diese ganze Sache so peinlich war, dass ich alles daran setzte, diese ungewollte und unkontrollierte Angst vor dem Wasser zu überwinden. Zurück in Tasmanien machte ich einen Tauchkurs und im Rest von Australien lies ich fortan keine Gelegenheit zum Schnorcheln aus. Ein Jahr später war ich dann stolzer Besitzer eines Tauchscheins mit über 20 Tauchgängen und wagte mich sogar an der Küste vor Teneriffa mit dem Tauchführer zu Lavahöhlen in 30 Meter Tiefe vor. Die Angst vor dem Wasser hatte ich endlich besiegt!

Bei meinem ersten Schnorcheln im offenen Meer gelingt es mir dadurch, die Panik zu unterdrücken, indem ich mich ganz auf die Wunder um mich herum konzentriere.

Direkt unter mir zeigten sich Schwärme von kleinen, leuchtend blauen Fischen, Drückerfische, die von kleineren Putzerfischen gereinigt wurden und viele andere Meerestiere, die in unüberschaubarer Vielfalt um mich herum schwammen.

Weichkorallen konkurrierten mit ihnen in ihrer Farbenpracht und einige andere Korallen beschatteten wie große Schirme den hellen Sandboden, der sich zwischen den einzelnen Korallenstöcken ausbreitete. Hier am Boden gab es Stechrochen, die schwerelos über den Grund gleiten und plötzlich zog auch eine große Meeresschildkröte unter mir vorbei.

Ich bin von dieser Schnorchelei so begeistert, dass ich trotz meiner Panikattacke am Anfang die letzte bin, die unser Boot zurück an Bord holt.

Dennoch erfüllte mich etwas Wehmut, denn an den Stellen, die wir mit dem Touristenboot anfuhren, machten die Hartkorallen einen zerbrochenen und zerstörten Eindruck, ein eindrucksvolles Beispiel, wie der Tourismus diesen häufig angefahrenen Stellen schon geschadet hatte.

Das Riff hatte einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, so dass ich mich am nächsten Tag noch einmal aufmachte, es zu erkunden. Dazu fuhr ich mit der Fähre hinüber nach Green Island, einer Insel im inneren Riff vor Cairns. Vom Strand aus kann man hier bequem 100m weit ins Meer hinaus schnorcheln und überall ist Seegras, wachsen Anemonen und Weichkorallen und es gibt auch einzelne Hartkorallenblöcke. Die Artenvielfalt lässt sich natürlich nicht mit dem äußeren Riff vergleichen, die ich am Tag zuvor kennen gelernt hatte,

aber hier sind die Fische Touristen so sehr gewöhnt, dass sie keinerlei Angst zeigen und ich einige Zeit lang in einem Schwarm großer, 50cm langer Fische mitschwimmen konnte.

Ich glitt entspannt dahin, ganz gefesselt von dem Leben um mich herum, als ich plötzlich einen dunklen Schatten vor mir wahrnehme. Ich schrecke zusammen, die Aufregung packt mich. Vor mir steht ein Schwarzspitzenriffhai im Wasser!

Aber als ich langsam auf ihn zu schwimme, sieht er mich und ergreift die Flucht. Elegant verschwindet er mit einigen schnellen Schwanzflossenschlägen aus meinem Sichtfeld.

Green Island ist eine schöne, kleine Koralleninsel, die komplett auf den Tourismus ausgelegt ist, auch was die Preise angeht. Dennoch verlaufen sich die Menschen, und wenn man eine kleine Wanderung um die Insel herum und durch den Busch, der sie noch teilweise bedeckt, unternimmt, ist man fast alleine. Dann kann man noch an einem weißen Sandstrand auf einem Stück Treibholz in der Sonne sitzen und aufs Meer hinausschauen und vielleicht träumen,

auf einer Trauminsel gestrandet zu sein.