7. Kapitel: Krokodile und Freiheitskämpfer
Am nächsten Tag konnten wir „ausschlafen“, denn Jason wirft uns erst um 6 Uhr früh aus den Swags. Als ich letzteren dann an diesem Morgen ausschüttle, um ihn anschließend zusammenzurollen, bekomme ich erst einmal ein Schock. Denn ich hatte in dieser Nacht einen Gast in meinem Schlafsack! Nein, nichts gefährliches. Immerhin kursiert ja noch immer die Geschichte von dem Touristen, der eines Morgens mit einer Giftschlange in seinem Schlafsack aufgewacht war, sondern eine „nur“ faustgroße Buschschabe. Und immerhin sind die australischen Buschschaben mit die größten der Welt… Zwar versuche ich noch, sie zu fangen oder wenigstens zu fotografieren, damit ich sie den anderen präsentieren konnte, aber das Insekt war dank der Wärme, die ich ihm über Nacht gespendet hatte, sehr viel schneller als ich. Die Schabe verschwand ohne sich zu bedanken im hohen Gras.
Es schien der Tag der Insekten zu sein, denn kurze Zeit später, beim Frühstück, zu dem es Rührei mit Schinken vom Lagerfeuer gibt, springt mir auch noch ein verwirrter Grashüpfer in den heißen Tee. Sofort lacht alles um mich herum auf—
da hätte ich endlich das, worauf ich gewartet hatte, frisches, gesundes Buschtucker- Protein, das sich mir sogar persönlich ausgeliefert hatte!
Über die Drysdale Station fuhren wir wieder zurück auf die Gibb River Road, unser Ziel an diesem Tag war die Barnett River Gorge, an der wir auch übernachten würden. Es ist eine abgelegene, felsige Schlucht und man muss etwas klettern, um den Fluss am Grund zu erreichen. Wir wanderten einige Kilometer um und in der Schlucht herum und legten dann auch eine kleine Pause ein, um im klaren Wasser zu schwimmen. Dabei waren wir die einzigen Menschen dort, wir hatten also dieses Naturjuwel ganz für uns. Unterwegs sahen wir viele der schillernden Rainbow Bee Eaters (Regenbogenbienenfresser, ein Insekten fressender Vogel, dessen Gefieder in allen Farben des Regenbogens leuchtet). Diese Vögel beobachteten wir einige Zeit lang, wie sie auf dünnen Zweigen sassen, auf Beute lauerten und sich dann auf diese stürzten, nur um dann wieder auf dem Zweig zu landen. Wir waren ganz begeistert von diesen scheuen, kleinen Vögeln und glaubten es Jason sofort, als er sagte, es sei etwas ganz besonderes, sie aus dieser Nähe beobachten zu können. Als wir weiter am Flussufer entlang gingen, scheuchen wir dann ein kleines Süßwasserkrokodil auf, das panisch vor den 10 Leuten, die mit Kameras auf es zugestürzt kamen, die Flucht ergriff und laut platschend im Fluss untertauchte. Überall an Rändern der Schlucht standen niedrige Büsche, die in voller Blüte stehen, große, hellrote Blütenkelche streckten sie uns entgegen. Das wäre, so erklärte uns Jason, die Rose der Kimberleys, eine hier heimische Pflanze. Und er zeigte uns eine weitere Pflanze, mit einem Blütenstand voller gelber, zungenförmiger Blüten. Er rupfte eine solche Blüte ab und reichte sie herum:
„ Honeysuckle“ wird sie genannt und man kann sie essen. Die einzelnen Blüten enthalten sehr viel süßen Nektar, den man aussaugen kann und diese Pflanze war eine der wenigen Süßigkeiten, die den Aborigines in ihrer Zeit als Jäger und Sammler zur Verfügung stand.
Noch heute sieht man die Aborigine- Kinder sehr häufig mit diesen Pflanzen in der Hand,
es ist einfach eine feine Leckerei. Wieder etwas Bushtucker, auf das ich mich stürzen konnte!
Natürlich ist der Nektar nicht so süß, wie wir das von Zuckerbonbons gewohnt sind und es wäre auch nur ein schlechter Ersatz für Schokolade, aber er ist trotzdem nicht schlecht und vielleicht auch nicht ganz so schlimm für die Zähne.
Unter einem Boab Tree in der Schlucht schlugen wir am Abend das Lager auf. Dieser Platz ließ sich von der Romantik her kaum noch überbieten, ein riesiger Flaschenbaum reckte sich vor uns in den Himmel und seine krummen Zweige sahen im flackernden Schein des Lagerfeuers fast unheimlich aus. Ob es wohl in einem Jahrzehnt noch möglich sein wird, so einsam wie wir abends in einer Schlucht unter einem Flaschenbaum zu sitzen? Und dabei zum wundervollen südlichen Sternenhimmel hochzusehen, in dem man wie nirgends in Deutschland das funkelnde Band der Milchstraße erkennen kann? Ich bewahre diesen Moment der Andacht und Stille in meinem Herzen, als ich etwas abseits von den anderen das leckere Essen, das Jason am Lagerfeuer zubereitet hatte, genoß. Barramundi in Alufolie mit Salat gab es, einen hochgeschätzten Speisefisch, verbreitet an den Nordküsten Australiens und in den Mangrovensümpfen. Die in den Kimberleys gefangenen Barramundis sollen dabei die schmackhaftesten sein, verkündete uns Jason. Ein guter Fisch, und besser als deutscher Karpfen und Seelachs allemal!
Der nächste Morgen hielt einen Schock für uns bereit, denn es war so kalt, dass sich eine dünne Rauhreifschicht auf unseren Swags niedergeschlagen hatte. Einmal mehr dankte ich Gott dafür, dass ich daran gedacht hatte, Thermounterwäsche zu kaufen. Dennoch war ich froh, mich am Lagerfeuer erst einmal mit heißem Tee aufwärmen zu können. Die Kälte war nicht verwunderlich, denn wir näherten uns den King Leopold Ranges, einer Region, die höher gelegen ist.
Doch als wir uns wenig später zur Manning Gorge aufmachten, spendete die Sonne schon wieder genugangenehme Wärme, um alle unsere Lebensgeister zu wecken. Wir wanderten über ein mit niedrigem Gras bewachsenes Plateau, auf dem vereinzelte Findlinge herumlagen und auf dem auch viele Flaschenbäume standen. Die Manning Gorge ist eine breite Schlucht, voller roter Felsen, an deren Ende ein breiter Wasserfall über schwarz gefärbte Felsenstufen in die Tiefe rauscht. Darunter ein Pool, der von grauen Felswänden eingerahmt wird, an dem wir auch wieder einige Malereien der Aborigines entdecken. Beim Überqueren des Flusses blickte ich sehr zweifelnd auf die vor mir liegenden, glitschigen Steine, was Jason zu der lachenden Bemerkung veranlasste: „ Okay, hier zieht jeder seiner Schuhe aus. Bis auf Ellen, du ziehst dich ganz aus, denn du machst einen SEHR selbstbewussten Eindruck…“
Wider Erwarten schaffte ich es aber doch!
Wir waren diesmal nicht die einzige Tourgruppe am Wasserfall, eine andere Gruppe hatte sich dort bereits breitgemacht. Das sorgte aber eher für Unterhaltung, da Jason und der andere Guide beschlossen, nun einen Wettbewerb im Cliffdiving auszutragen. Vom Wasserfall aus wollten sie in die Tiefe springen. Wer traut sich wohl, von der höchsten Stelle zu springen?
Beide Gruppen feuerten ihre Guides lautstark an, so klettern diese immer höher auf die Felsen, stürzten sich unter lautem Johlen und Applaus der anwesenden Touristen ins Ungewisse. Doch die beiden wussten was sie tun, denn sie gingen, bis auf den Verlust der Badehose bei Jason, unverletzt aus dem Wettkampf hervor.
Leider muss man sagen, dass der Tourguide der Konkurrenzfirma in der Punktwertung etwas vor Jason lag. Nein, das hatte natürlich nichts mit Jasons nacktem Hintern zu tun…
Am Abend hatte Jason eine besondere Überraschung für uns, ein Candlelightdinner, an unserem neuen Lagerplatz an einem kleinen Fluss abseits der Gibb River Road.
Ein schöner Platz, inmitten von Boab Trees, als einziger Nachteil fielen nur die Moskitos
auf, die uns plagen. Im Lagerfeuerofen, einem unter dem Lagerfeuer vergrabenen Kochtopf, um den gleichmäßig Kohle verteilt wurde, bereitete Jason einen Lammbraten mit Gemüse zu.
Währendessen erzählte er uns zum wohl hundertsten Mal die Geschichte vom Aborigine- Freiheitskämpfer Jandemarra und von dessen Versteck, der Tunnel Creek Höhle, die wir am letzten Tag besuchen würden. Diese Geschichte liegt Jason wirklich sehr am Herzen und sie ist ja auch sehr bewegend, voller Mut, Entschlossenheit, Tapferkeit und Verrat, Braveheart auf australisch, sozusagen. Ich lausche wie immer sehr gespannt, Erzählungen dieser Art fesseln mich immer. Vor der letzten Jahrhundertwende waren die Bedingungen für die Aborigines in den Kimberleys schier unerträglich. Sie galten als wenig mehr wie Tiere und wurden erbarmungslos von den Weißen gejagt, die sie als Sklaven missbrauchten. In dieser Zeit lebte Jandemarra, ein stolzer Krieger, der sich zum Polizeidienst bei den Weißen als Scout meldete. Dort bewies er großes Talent und die Weißen hatten auch schnell einen Spitznamen für ihn, „Pidgeon“, Taube, wegen seines stechenden Blickes. Aber Jandemarra hatte eigentlich anderes im Sinn, er wollte sein Volk nicht verraten, sondern es befreien!
So führte er eines Nachts die Krieger seines Stammes zum Waffenlager der Polizei, das sie plünderten.
Von da an kämpfen die Aborigines gegen die Invasoren in ihrem Land, legen Hinterhalte und starten gewagte Überfälle. Bei einem Hinterhalt in der Wynjana Gorge, den sie einem Polizeikonvoi legen, wurde Jandemarra schließlich von den Weißen angeschossen und für tot gehalten. Doch er war noch am Leben, und in seinem geheimen Versteck, der Kalksteinhöhle Tunnel Creek, in der es das ganze Jahr über frisches Wasser gibt, pflegten ihn seine Leute wieder gesund. Aber der Friede war nur von kurzer Dauer, denn eines Tages fanden Aborigine- Spurenleser dieses Versteck und 1897 wurde Jandemarra während einer Polizeiaktion von einem schwarzen Scout auf der Flucht erschossen.
Nachdem er diese Geschichte erzählt hatte, stellte Jason die Preisfrage:
„ Wie lang ist die Tunnel Creek- Höhle?“
Ich antwortete wie aus der Pistole geschossen: „ Einen dreiviertel Kilometer!“
Das brachte mir das beste und knusprigste Stück vom Lammbraten ein, der von Jason zubereitet und in fachgerechte, dünne Scheiben geschnitten einfach herrlich schmeckte.
Es zahlt sich also doch aus, solchen romantischen Lagerfeuergeschichten zu lauschen!
Am Lagerplatz gab es diesmal so viele Steine, dass wir die große Plane, auf der wir normalerweise unsere Swags für die Nacht ausrollten, nicht ausbreiten konnten. So musste sich jeder seinen eigenen Schlafplatz im hohen Gras suchen. Kurz nach dem Abendessen begann eine leichte, erstaunlich warme Brise durch die Flaschenbäume zu wehen, die die ganze Nacht anhielt. Der leichte Wind verhinderte, dass sich Tau auf unseren Swags niederschlug und er vertrieb die lästigen Moskitos. In dieser Nacht ließ mich das sanfte Rauschen im Gras um mich herum schnell einschlafen.
Jason konfrontierte mich am nächsten Morgen zum Frühstück mit einem für mich völlig neuem Prinzip. Fertigpfannkuchen aus einer Plastikflasche— Milch dazu und einfach nur Schütteln!
Irgendwie verstand ich zwar die Theorie, im Praxistest erzeugte ich aber nur schwarze „scrambled pancakes“, „Rührpfannkuchen“, die nicht sehr appetitlich aussahen und einmal mehr für Erheiterung sorgten.
Die Bell Gorge, die wir an diesem Tag besuchten, ist eine echte Touristenattraktion und der vordere Wasserfall dieser Schlucht meistens ziemlich überlaufen. So führte uns Jason zuerst den längeren Weg die Schlucht entlang zum zweiten Wasserfall, der viel abgelegener liegt.
Es ist immerhin ein ungeschriebenes Gesetz, dass der durchschnittliche Tourist lange Wege meidet. Damit behielt Jason auch Recht, denn wir hatten diese Stelle, etwas abseits von den Touristen, ganz für uns alleine. Und was für eine Stelle das war! Blankpolierte Steine, ein Wasserfall, steile, überhängende orange-rote Felswände und ein Felsufer, das so glatt geschliffen ist, dass man dort bequem ein Schläfchen halten kann. Über uns, am Rand der Schlucht, warfen einige Flaschenbäume ihren Schatten in die Tiefe und erinnerten uns wieder daran, wo wir uns befanden. Ein wirklich schöner, einsamer und entspannender Ort!
Als wir Stunden später am ersten Wasserfall der Schlucht ankamen, zeigte sich, dass Jason wieder recht behalten hatte: Denn der Touristenort war wirklich überfüllt und es kostete uns wirklich Mühe, uns durch all die spielenden Kinder einen Weg nach vorne zu bahnen, um wenigstens ein Foto von den Wasserfällen zu schießen.
Unterwegs zur Lennard Gorge, die unser nächstes Ziel war, erspähten wir auf der Kuhweide, die sich endlos zu beiden Seiten der Straße erstreckte, einen wirklich prächtigen Zebu- Bullen
(das sind afrikanische Rinder, eingeführt, da sie mit dem trockenen Klima so gut zu Recht kommen). Jason, der selbst von einer Ranch stammt, rief sofort aus:
„ Was für ein Bulle. Was für ein schöner Bulle! Ellen, was meinst du, ist das nicht ein Prachtexemplar? Wer will ein Foto?“ Und ohne auf eine Antwort zu warten, schlug der Guide das Lenkrad nach rechts ein und wir schaukelten von der Straße mitten in den Busch, um den Bullen zu verfolgen. Die Rinder starrten unseren Geländewagen nur verwirrt an, einige ergriffen die Flucht, und auch unser Bulle lief gemächlichen Schrittes von uns weg. Aber Jason war ihm auf den Fersen, und ließ erst unter unserem lauten Schreien von ihm ab, als wir alle das Tier fotografiert hatten.
Der Ausflug in die Lennard Gorge stellte sich wieder als ziemliche Kraxelei heraus und diese Schlucht ist auch so eng und schmal, dass es am Rand kaum eine Möglichkeit gibt, sich zu setzen. Gleich zwei Wasserfälle stürzen sich hier in die Tiefe und nach einem heißen Tag ist es eine Wohltat, hin zu schwimmen und unter den beiden zu Duschen.
Der letzte Tag der Kimberley- Tour kam schneller, als von uns allen erwartet. Viel zu mitreißend waren all die Eindrücke gewesen, die in den letzten Tagen auf uns eingeprasselt waren und wir hatten ja auch kaum eine Verschnaufpause gehabt, ein Naturwunder jagte das nächste. Dieser letzte Tag stand ganz im Zeichen von Jandemarra, dem Aborigine- Helden, den Jason so verehrte. Zuerst wollten wir Tunnel Creek besuchen, das Höhlenversteck des Freiheitskämpfers. Wie wir bereits mehrmals zu hören bekamen, ist diese Kalksteinhöhle einen dreiviertel Kilometer lang, sehr weitläufig, verwinkelt und mit vielen Stalaktiten verziert. Die Stalaktiten sind jene Tropfsteine, die von oben nach unten wachsen—
die am Boden sitzenden Stalagmiten wurden und werden seit Jahrhunderten immer wieder von den Fluten der Regenzeit hinweggespült. Der Kalkstein hier stammt von einem alten Riff aus dem Devon und ist 360 Millionen Jahre alt. Als wir den Stein näher betrachteten, und bei unserer Wanderung durch die Höhle barfuss laufen mussten, wurde uns auch noch ein weiterer Punkt klar, warum Jandemarra diese Höhle als sein Versteck gewählt hatte:
Denn der Kalkstein hier ist so scharfkantig, dass er das billige Leder der Soldatenstiefel der Weißen zerschneiden und auch Pferdehufe verletzen konnte, was eine Verfolgung des Freiheitskämpfers zusätzlich erschwerte. Immerhin, einige Jahre hatte er es hier ausgehalten, bis 1897, als er auf der Flucht erschossen wurde.
Jason führte uns nun barfuss über Steine, glatten Kies, Sand und durch eiskaltes Wasser, das noch immer nach der Regenzeit in der Höhle stand. Dieser ganzjährige Vorrat an Trinkwasser war ebenfalls ein wichtiger strategischer Vorteil für die Aborigines. Und der Guide erklärte uns, dass hier auch eine ganz eigene Fauna Unterschlupf findet: Viele Fledermäuse, Höhlenaale und andere dunkel liebende Fische, Garnelen und sogar Süßwasserkrokodile. Sehen konnten wir im Dunkeln zuerst nicht viel, deshalb hatte uns Jason ja auch aufgetragen, dass wir unsere Taschenlampen mitnahmen. Ziellos leuchteten wir herum, doch Jasons Lampe traf vor uns zielsicher einige leuchtende Augen— und er befahl uns sofort mit einem lauten Zischen, ruhig zu sein und stehen zu blieben. Denn wir waren auf eines der kleinen Höhlenkrokodile gestoßen, das aber leider viel zu schnell abtauchte, sobald es uns näher kommen sah. Im Wasser leuchteten auch die Augen vieler kleiner Fische, der Nahrung der Krokodile, rot auf.
Doch bald wurde der unterirdische Fluss, durch den wir wateten, so breit und tief, dass der Moment der Wahrheit für mich kam. Denn trotz Jasons Warnung hatte ich meine lange Hose wegen der morgendlichen Kühle angelassen und nicht meine Badehose angezogen und nun musste ich entweder meine Kleidung nass machen, oder im Dunkeln zurück bleiben. Obwohl mir jeder sagte, dass ich entweder sehr mutig oder verrückt sei, entschied ich mich für die Dunkelheit. Nein, es hat weder etwas mit Mut oder Wahnsinn zu tun, ich wollte nur einmal das Gefühl kennen lernen, allein in der Dunkelheit einer Höhle zu sitzen. Eine einmalige Chance! Vor mir rauschte ein kleiner Wasserfall, in der Ferne konnte ich im Schein meiner kleinen Lampe die Augen des Krokodils aufleuchten sehen und dazu die vielen, vielen kleinen Augen der Fische, die neugierig zu mir aufsehen. Fremdartig wirkten die Tropfsteine im schwachen Licht meiner Lampe und außer dem Wasser um mich herum hörte ich kein anderes Geräusch. Ich genoß diese Stille für fast 20 Minuten, dann kam meine Gruppe zurück und sammelte mich wieder auf, immer noch davon überzeugt, dass ich etwas verrückt sei…
So etwas wie die Wynjana Gorge, die wir anschließend besuchen, hatte ich zuvor noch nicht gesehen. Diese Schlucht liegt einige Kilometer von Tunnel Creek entfernt. Man betritt sie durch einen dunklen, engen Zugang, eine kleine Höhle und kaum hat man diesen Tunnel passiert und tritt wieder hinaus ins Sonnenlicht—
da befindet man sich in einer anderen Welt. Eine verlorene Welt!
Steile, hohe Felswände zu beiden Seiten eines ruhigen Flusses, in denen wir Löcher und kleine Höhlen erkennen konnten, Sandbänke, Fluss- Eukalyptusbäume an den Ufern, in denen Corella- Papageien und Kormorane saßen. Man erwartet fast, dass man hier auf etwas Ungewöhnliches stößt, man erwartet, im nächsten Moment einen Dinosaurier durch die Büsche brechen zu sehen. Diesen Gedanken teilte ich auch sofort Jason mit, der laut auflachte: „ Nein, ich glaube nicht, dass wir heute einen sehen… für die ist es im Moment noch zu kühl.“
Aber, nach einer weiteren kleinen Schleife des Flusses sahen wir etwas anderes. Auf einer kleinen Sandbank im Wasser erspähten wir plötzlich Krokodile. Aber nicht eins oder zwei,
sondern Dutzende. Der gesamte Fluss war voller Krokodile!
Überall im Wasser schwammen die Süßwasserkrokodile, sonnten sich ruhig an den Sandbänken, ohne sich zu bewegen. Ich starrte wie gebannt auf das Bild das sich mir bot, war völlig vereinnahmt von dem Erlebnis, so viele dieser scheuen Tiere auf einmal zu sehen.
Unserer Gruppe bot sich eine einzigartige Gelegenheit, sich neben einem wilden Krokodil fotografieren zu lassen, denn laut Jason sind die Süßwasserkrokodile, oder „Freshies“ wie sie die Australier nennen, hier nicht so scheu wie ihre Artgenossen anderswo. So halte auch ich heute ein Bild in den Händen, auf dem ich grinsend einige Meter vor einem Krokodil mit weit aufgerissenem Maul sitze!
Die Wynjana Gorge, dieser verwunschene Ort, an dem Jandemarra jenen schicksalhaften Überfall führte, bei dem er selbst verwundet wurde, zählt für mich zu meinen persönlichen Lieblingsstellen in Australien. Selten zuvor war ich von einem Ort so fasziniert und so beeindruckt worden und das nicht nur wegen der vielen kleinen „Saurier“ im Fluss…
Schließlich verließen wir die Gibb River Road und steuerten in Richtung Derby. Im Schatten des „Prison Tree“, des „Gefängnisbaums“ legten wir unsere Mittagspause ein. Dieser gewaltige, hohle Flaschenbaum hat eine sehr lange, traurige Geschichte. Die Flaschenbäume sind bei den Aborigines der Gegend heilig, und besonders alte, hohle Exemplare gelten als verehrungswürdig. Niemandem, außer dem Medizinmann war es erlaubt, sich so einem Baum zu nähern. Bis die Weißen kamen. Und die brauchten die Aborigines als Sklaven für die Perlenfischerei an der Küste. Also trieben sie alle schwarzen Menschen der ganzen Umgebung zusammen und sperrten sie anschließend in den hohlen Baum, der praktischerweise nur eine Öffnung hatte, die sich gut bewachen lies. Für die armen Menschen bedeutete diese Gefangenschaft eine doppelte Niederlage, denn sie waren zum einen versklavt worden und wurden zum anderen in den heiligen Baum eingesperrt, den ein Normalsterblicher eigentlich gar nicht betreten durfte.
Angesichts Geschichten wie dieser verwundert es nicht, dass den Freiheitskämpfer Jandemarra die Wut gepackt hatte und er seinen aussichtslosen Kampf gegen die weißen Eindringlinge aufnahm!
Zum Abschluss unserer Reise, als wir wieder in der Zivilisation, in unser Ziel, die Stadt Broome, einfuhren, wurde uns nun allen bewusst, wie man sich fühlt, wenn man 9 Tage ohne Dusche überlebt hat. Da wir alle stanken, rochen wir uns gar nicht mehr gegenseitig, doch als wir endlich wieder unter sauberen Menschen waren, fühlten wir uns nichts als nur schmutzig.
Meine Kopfhaut juckte, meine Haare waren schmierig und voller Sand…
aber wir alle waren glücklich und bereuten diesen Ausflug nicht!
Denn, wenn ich zurückdenke, was habe ich nicht alles gelernt:
- wie man das Didgeridoo NICHT spielt
- wie man mit einem Swag umgeht und ihn aufrollt
- wie man sich seine eigene Latrine mit einer Schaufel buddelt (das berühmte „Shit Hole“)
- wie man einen heißen Wasserkessel, den „Billy“, vom Feuer holt
- wie man es in einem schaukelndem Geländewagen trotz Seekrankheit aushält
- wie man ohne Shampoo und Seife überlebt
- wie man sich einem Hubschrauber nähert
- wie man in einem Geländewagen mit seitwärts gerichteten Sitzen schläft
- wie man am besten steile Felswände hochklettert
- wie man sich am besten einem Wasserfall nähert
- dass es niemanden interessiert, wenn man mitten im Busch in der Öffentlichkeit in seine Badesachen anzieht
- wie man diverse Reptilien, Dingos und Vögel beobachtet
- dass man immer Schokolade dabei haben sollte, falls jemand den Rucksack des Guides und den Proviant aus dem Auto wirft
- dass man immer eine gefüllte Wasserflasche haben sollte, falls es wieder mal etwas länger dauert mit der Autofahrt oder der Wanderung
- dass man das Wasser aus fast jedem Wasserloch trinken kann, nur sollte man beim Abfüllen in die Wasserflaschen auf kleine neugierige Fische und Kaulquappen achten
- und natürlich, welches Bushtucker wie gut schmeckt, zum Beispiel, dass Smaragdameisen schön sauer und erfrischend sind, die „Honeysuckle“ schön süß ist und man auch die Früchte der Boab Trees essen kann, sollte dann aber die giftigen Samen ausspucken…
Unser letzter Abend präsentierte uns noch einen herrlichen Sonnenuntergang am Strand von Broome. Hier gibt es einen Kilometer langen Strand mit feinem, weißen Sand und einem wundervollen Blick auf den Indischen Ozean, genau nach Westen.
Und der nächste Halt am anderen Ende des Ozeans —Kenia!