6. Kapitel: Geister der Aborigines
Das Frühstück am nächsten Morgen brachte die Erleichterung, denn ein kurzer Blick auf den Fluss zeigte uns, dass die Krokodile verschwunden waren und unsere Gruppe noch vollzählig war.
Auch an diesem Tag warteten wieder 5 Stunden Autofahrt auf uns und so widmeten wir uns noch intensiver einem leckeren Frühstück mit Toast vom Lagerfeuergrill. Dazu gab es verschiedene dunkelbraune Pasten, die eigentlich alle gleich aussehen, aber zu katastrophalen Verwechslungen führen können: Nutella, Vegemite und Promite. Natürlich kontrollierten die Europäer in der Gruppe zweimal nach, ob Jason auch nicht die Gläser vertauscht und Nutella durch die salzige Vegemite- Hefepaste ersetzt hatte.
Nach der ersten Hälfte der ruckeligen Fahrt auf der Schotterstraße erlöste uns Jason dadurch, dass wir eine Pause an einer Abraumhalde einlegten—
und dort etwas Football spielten. Langsam wuchs mir dieses Spiel dann doch ans Herz, denn es ist nach langem Sitzen sehr gut zum Auflockern der Gelenke und eine witzige Art, in Bewegung zu bleiben. Immerhin pflegt das Football- Ei unberechenbare Sprünge zu machen, sobald es auf de Bode aufkommt.
Endlich, nach zwei weiteren langen Stunden Fahrt verließen wir dann die Gibb River Road, um nach Norden zu fahren, in Richtung auf das Mitchell Plateau. Denn es stand uns für den morgigen Tag eine Wanderung zu den gewaltigen Mitchell Falls bevor!
An der Drysdale Station, abgelegen im tiefsten Busch, füllten wir unseren Benzinvorrat neu auf, statteten dem Laden einen Besuch ab, um uns frisch mit Schokoriegeln einzudecken und natürlich ließen mir uns auch die Gelegenheit nicht entgehen, auf ein richtiges Klo zu gehen.
Und ich mache noch eine erstaunliche Entdeckung, ich entdeckte nämlich hier, mitten im Nirgendwo, einen Briefkasten, in den ich meine zahlreichen, geschriebenen Postkarten einwerfen konnte. Damit hatte ich nun nicht gerechnet, und ich konnte mein Glück nicht fassen, weswegen ich mich gleich an Jason wandte: „ Ist das ein echter, funktionierender Briefkasten?“
Jason musterte mich mit einem etwas seltsamen Blick, bevor er antwortete:
„ Nein, eigentlich ist es eine Toilette. Sie haben sie nur umgedreht, dass sie besser trocknet.“
Trotz dieser Antwort war ich glücklich und lief sofort zu der Dame im Laden, die meine Postkarten für mich mit dem eigenen und einzigartigem Drysdale Station Stempel versah,
wonach ich meine Ergüsse endlich einwerfen konnte.
Dieser Tag war aber auch von einer anderen Seite her bemerkenswert, denn wir hatten heute ein großes Glück, was Sichtungen von wilden Tieren anging:
Uns liefen gleich zwei Dingos, australische Wildhunde, über den Weg, wir erspähten mehrere Brolgas, die in Nordaustralien heimischen, großen, weißen Kraniche mit roter Haube und trafen auch auf Jabirus, die schwarzen Störche mit weißen Flügeln. Am beeindruckensten war aber der fast 2m lange Flußwaran, der sich am Ufer sonnte, gerade als wir mit dem Geländewagen den Fluss überquerten. Voreilig richtete jemand die Frage an Jason:
„ Das ist jetzt sicher ein Baby- Krokodil?“
Aber der Guide gab sich empört: „ Das ist mit Sicherheit KEIN Baby!“
Wir bemühten uns auch sehr, eine Kragenechse in den Bäumen zu erspähen. Diese beeindruckenden Reptilien mit ihrem aufstellbaren Halskragen leben in Nordaustralien und besonders in waldreichen Gebieten sind sie zu finden. Jeder war nun angehalten, auf Ästen und Stämmen nach einer Echse Ausschau zu halten, aber leider hatten wir Pech, statt auf eine Kragenechse zu stoßen wurden wir nur noch von den Moskitos geplagt.
Jason aber tröstete uns mit einer amüsanten kleinen Geschichte, zu der er auch einige Fotos herumzeigte. In der Tour, die er einige Wochen zuvor geführt hatte, hatte die Gruppe bei einer Wanderung eine Kragenechse aufgeschreckt. Sofort brüllte Jason allen Tourteilnehmern zu, so schnell wie möglich wegzulaufen, in Bewegung zu bleiben. Das taten auch alle—
bis auf einen kleinen Japaner, der mit seiner Kamera in der Hand stehen blieb und mehr als verwirrt war, als um ihn herum die Gruppe auseinander stob. Reptilien können Menschen nicht erkennen, wenn sich diese nicht bewegen, und die Kragenechse verwechselte so den Japaner mit einem Baum, auf den sie auf der Flucht vor den Leuten fliehen konnte!
Die Echse kletterte flink mit ihren scharfen Krallen an dem entsetzten Tourgast hoch, hockte auf dessen Schulter, als dieser wild das Schreien und Um- sich- Schlagen begann. Jason kam sofort zu ihm gerannt, schärfte ihm ein, sich nicht zu bewegen. Das konnte oder wollte der arme Mann nicht verstehen, schlug weiter um sich und machte die Kragenechse dadurch erst recht wild. Jason hatte seine liebe Mühe damit, die verängstigte Echse zu ergreifen und dann vor allem von dem Japaner zu nehmen, denn die Echse hatte sich in ihrer Panik in dessen T- Shirt und Haut festgekrallt. Als dann der arme Kerl endlich erlöst war, und die Echse wieder sicher im Busch, blieben ihm einige blutige Striemen auf dem Rücken und ein zerrissenes T-Shirt.
Mit Geschichten dieser Art verging die lange Autofahrt recht schnell und wir erreichten endlich das Mitchell Plateau. Wir hielten an einigen Felsen im Busch, denn dort gibt es einige spektakuläre Wongina- Felsmalereien zu sehen. Daneben finden sich an den Felsen aber auch einige wenige, verwaschene Malereien eines anderen Stils, so genannte „Bradshaw“- Malereien. Nicht einmal die Aborigines scheinen genau zu wissen, von wem diese eigentlich stammen und man weiß nur, dass sie uralt sind. Im Vergleich zu den gewöhnlichen Kritzeleien der modernen Aborigines sind die Bradshaw- Zeichnungen komplex, detailreich und fast unheimlich fremdartig. Zu ihrem Ursprung gibt es viele Theorien, doch die verbreitetste ist, dass während der Eiszeit, vor 10000 Jahren hier ein relativ hoch entwickeltes Volk gelebt hat, von dem die Zeichnungen stammen. Als dann nach der Eiszeit der Meeresspiegel stieg, kam es zu einer Völkerwanderung in das Gebiet dieser Kultur und die primitiveren Stämme überrollten das alte Volk regelrecht.
Jason hatte natürlich auch seine eigenen Theorien und er fand es besonders erstaunlich, dass es stilistisch ähnliche Malereien auch in Südafrika bei den Buschmännern gibt. Und dort gibt es ja auch eine Gegend, die „Kimberley“ heißt und in der auch solche Boab Trees wachsen, so wie hier in Australien…
Ich persönlich fand diese Geschichte von der Invasion Australiens durch afrikanische Buschleute etwas weit hergeholt, aber gut, nichts Genaues weiß man nicht.
Gerade war ich noch dabei, über diese Sache nachzudenken, als Jason plötzlich eine Überraschung für uns hatte: Er teilte uns nämlich mit, dass hinter den Felsen mit den Malereien noch etwas ist, eine geheime Stelle, eine Begräbnisstätte der Aborigines!
Darauf hatte ich gewartet!
Es ist ja nicht verboten, dorthin zu gehen, nur man darf eben nicht fotografieren oder etwas anfassen oder auf die Knochen treten. Da der Platz hinter den Felsen sehr begrenzt ist und für die ganze Gruppe auf einmal zu eng gewesen wäre, mussten wir uns aufteilen. Ich ging mit der ersten Gruppe und wir kletterten einmal mehr über Felsen, über einige mehr oder weniger steile Stufen und erreichen nach einigen Dutzend Metern einen Felsüberhang.
Auf dem blanken Felsboden konnten wir etwas Weißes erkennen—da lagen tatsächlich Knochen!
Tiere hatten einige Knochen überall verteilt, was es schwierig machte, nicht auf diese zu treten. Wir schlichen vorsichtig vorwärts, ganz so, als ob wir auf einem Minenfeld wären.
Unter dem Felsüberhang ist eine kleine Höhle, und deren Decke zieren einige magische Malereien, die die Geister in Zaum halten sollen. Darunter befindet sich auch eine weiße Menschenfigur, der eine Art Nagel oder Knochen quer im Hals steckt. In der Höhle selbst liegen die Knochen eines Menschen, eingerahmt von Steinen. Schädel, Oberschenkel und Rippen liegen vor uns, und wir können auf ihnen noch Spuren roten Ockers erkennen.
Wie geht so eine Bestattung vor sich?
Die Leichen werden zuerst in den Busch gelegt, wo sie von den Tieren bis auf die Knochen abgenagt werden. Sind die Knochen derart gesäubert, werden sie aufgesammelt, mit rotem Ocker bemalt und in die Rinde des Papierrindenbaumes gewickelt. Da die Knochen aber noch ihr Knochenmark enthalten, locken sie weiterhin Tiere an, die die kleineren Teile fortschleppen und so verteilen.
Aufmerksam sah ich mich um, versuchte möglichst viel von der mich umgebenden Stimmung einzufangen. Ein bewegender Moment, an diesem Begräbnisplatz zu stehen!
Von dort waren es nur noch wenige Kilometer zum King Edward River, wo wir für die nächsten beiden Nächte unser Lager aufschlugen. Nach der langen Autofahrt sehnten wir uns danach, erst einmal im Fluss schwimmen zu gehen. Über rutschige Steine und Felsen arbeiteten wir uns vor zum Fluss, an einer Stelle gleich bei einem rauschenden Wasserfall. Unter dem kann man auch stehen und duschen—vorausgesetzt, man hat die Kraft, den Fluss zu überqueren und gegen die Strömung anzukämpfen. Doch hier musste ich passen, meine Muskeln reichten nicht aus.
Viel zu früh, um 4 Uhr, holte uns Jason am nächsten Tag wieder aus unseren Träumen, gerade, als es besonders schön warm im Schlafsack war! Aber vor uns stand eine Tagesexkursion zu den Mitchell Falls, was eine 2-stündige Autofahrt über holprige Wege bedeutete, die kaum den Namen Straßen verdienten. Es würde ein langer Tag und wir würden erst nach Einbruch der Nacht in unser Lager am King Edward River zurückkehren.
Jason fuhr so schnell, dass wir förmlich über die erodierten Straßen flogen, was unseren Hinterteilen nicht unbedingt so gut tat. Landschaftliche Schönheiten gab es aber unterwegs sowieso nicht zu bewundern, uns umgab ein schier endloses Buschland.
Am Ziel angekommen, dem Ausgangspunkt für die Wanderung zu den Mitchell Fällen,
machten wir erst einmal ein schnelles Frühstück mit Cornflakes und Müsli, direkt neben dem Landeplatz für die Touristenhubschrauber. Dabei stellte Jason entsetzt fest, dass an diesem Morgen jemand ziemlich schlampig gewesen war, denn irgendwer hatte bei dem überstürzten Aufbruch mitten in der Nacht Jasons Rucksack mit dem Erste Hilfe Kasten aus dem Auto geworfen…
Das hieß nun, dass wir unseren Proviant selbst tragen mussten und nur beten und hoffen konnten, dass sich keiner verletzen würde. Die Tagesplanung sah vor, zu den Wasserfällen zu laufen und danach einen Hubschrauber- Panoramaflug über die Fälle zurück zum Auto zu nehmen. Obwohl das die Anstrengungen an diesem Tag scheinbar in Grenzen hielt, war mir die Idee mit dem Hubschrauber aber von Anfang an etwas suspekt.
Frisch gestärkt liefen wir los, über Stock und Stein und durch einige Flüsse und trotz meiner schlechten Koordination war es diesmal nur Jason, der als Einziger ins Wasser fiel, als er eine besonders glitschige Stelle austestete. Das erste Ziel waren die Mertens Falls. Dort kann man nahe den Wasserfällen einen Abhang hinunterklettern und an den Felsen einige magische Malereien ansehen. Keine normalen Zeichnungen der Aborigines sind hier zu finden, also Kängurus und Männer mit Speeren, nein, sondern Bilder von Geistern, extrem lang gestreckte Figuren ohne Kopf. Wenn man etwas weiter am Flussufer entlang auf den Wasserfall zuläuft,
kommt man zu einer geräumigen Halle, die sich über Jahrtausende hinter dem Fall gebildet hat. Hier forderte uns Jason auf, in meditativer Ruhe zu verharren, uns hinzusetzen und das tiefe, beruhigende Rauschen des Wasserfalls und den Anblick der Wasserwand vor uns zu genießen. Wie oft im Leben hat man schon Gelegenheit, HINTER einem Wasserfall zu sitzen?
Hier verkündete uns Jason schließlich, dass wir nicht direkt zu den Mitchell Falls wandern würden, wo uns der Helikopter am Nachmittag abholen würde, sondern dass er vorhatte, sich sozusagen von hinten anzupirschen. Der Guide kannte nämlich mitten im Busch eine einzigartige Stelle, wo es einige der am besten erhaltenen und schönsten der rätselhaften Bradshaw- Malereien gibt. Um diese Stelle zu finden, zu der kein Weg oder Pfad führt, ließ uns Jason im hohen Gras in der Sonne erst einmal für eine halbe Stunde allein—
er musste sich in der Umgebung orientieren, damit er uns den Weg zeigen konnte.
Dann endlich holte er uns und wir schleichen im Gänsemarsch durch das fast mannshohe Savannengras, stiegen immer wieder auf kleinere Felsen, um uns umzusehen. Irgendwann stießen wir dann auf eine größere Felsgruppe vor uns, in der es einige natürliche Höhlen gibt.
Hier kann man an den umher liegenden Steinen und an den Höhlenwänden gut erkennen, wo die Aborigines Jahrhunderte lang ihre Waffen geschärft haben und einige blank polierte Mühlsteine geben Aufschluss darüber, dass hier wohl auch Mehl gemahlen wurde.
Weiter hinten in der Höhle, beleuchtet durch einige Öffnungen in der Decke, zeigten sich uns die Malereien dann mit ganzer Pracht. Sie bedecken eine ganze Wand und die Decke der Höhle und zeigen detaillierte Menschenfiguren mit auffälligem Kopfputz und ausgefallener Bekleidung. Daneben wirken die groben Zeichnungen der modernen Aborigines, die die Kunst ihrer Vorfahren teilweise übermalt haben, wie störendes Graffiti.
Als am frühen Nachmittag die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, breitete sich eine fast unerträgliche Hitze über der Savanne aus. Die rechte Zeit für ein erneutes Bad, Jason führte uns zu einer schönen Stelle am Mitchell River, die von glatten, roten Felsterrassen eingerahmt war. Man musste nur etwas aufpassen, denn eben diese Felsen waren auch etwas rutschig…
neben den roten Felsen und dem dunklen Wasser gab es auch wieder einen Wasserfall, von dem aus einige Mutige aus unserer Gruppe in den darunter liegenden Pool sprangen.
Jason gab dazu einige Einweisungen ins Cliff Diving.
Endlich am Aussichtspunkt der Mitchell Falls angekommen, vertilgen wir hungrig unser spärliches Mittagessen. Die Fälle sind ein gewaltiger Anblick und von unserem Aussichtsfelsen aus hatten wie den besten Blick:
Mehrere riesige Kaskaden donnerten über verschiedene, blaue Becken in die Tiefe.
Schon zu diesem Zeitpunkt war das ein eindrucksvoller Wasserfall, aber in der Regenzeit muss er noch um einiges gewaltiger sein, was man an einigen bereits ausgetrockneten Zuflüssen und Kaskaden erkannte.
Pünktlich holte uns der Hubschrauber ab. Ich war noch nie in einem Hubschrauber und hörte daher besonders aufmerksam zu, als man uns erklärte, wie man sich einem nähert:
Möglichst geduckt und nie direkt von vorne!
War mir die ganze Zeit bei dem Gedanken an diese Flugmaschine schon nicht ganz wohl, so steigerte sich das noch, als man mich direkt neben die nicht vorhandene Tür setzte. Ein Hubschrauber mit offenen Seiten! Ich saß also direkt am Abgrund…
Der Trip führte um und über die gewaltigen Mitchell Falls und etwas am Fluss entlang, um auch die Wasserfälle etwas weiter flussabwärts zu zeigen. Dabei vollführte der Pilot immer wieder gewagte Manöver um uns auch alle Sehenswürdigkeiten zu präsentieren.
Zu diesem Zeitpunkt kämpfte mein Magen bereits mit meiner entsetzlichen Panik um die größte Aufmerksamkeit, was mich derart in Anspruch nahm, dass ich nicht dazu kam, auch nur ein einziges Bild aus der Luft zu schießen. Aber irgendwie brachte ich diese 20 langen Minuten dann doch hinter mich, wenn ich mich dazu auch mit aller Kraft am Vordersitz festkrallen musste.