3. Kapitel: Wasserfälle am Ayers Rock
Ich war noch nie vorher in einer Wüste gewesen, und so konnte mich die Spannung und die Vorfreude darüber hinwegtrösten, dass ich früh um 5 Uhr nicht im Geringsten ausgeschlafen hatte und dass ich bei der von mir gebuchten Tour in einer recht großen Gruppe gelandet war. Noch dazu bestand der größte Teil der Menschen im Bus um mich herum aus einer französischen Reisegruppe mit Übersetzer, die sich von Anfang an von allen Nichtfranzosen abkapselten.
Doch sobald ich halbwegs aufgewacht und ansprechbar war und mich den anderen Leuten im Bus vorgestellt hatte, lernte ich auch recht schnell Amber kennen, eine nette, weltoffene kanadische Studentin, die des Nachts auch im Zelt neben mir schlief.
Leider hatte sie nur die 3 Tagestour gebucht und nicht wie ich die 5 Tage, die nach der Besichtigung des Ayers Rock und des Kings Canyon noch in die Mc Donnell Ranges ging.
Unsere Reiseleiterin, Tourguide, für diese Tour war Robin, und, wie will man diese Frau beschreiben…
mit einem resoluten Auftreten, stets mit Sonnenbrille, braungebrannt und einen Wanderstab, der am Griff mit Schlangenhaut bezogen war, eine Frau, deren Exmann ein Aborigine aus Queensland war und die die meisten Aussies wohl als „rude“ bezeichnen würden.
Ungehobelt. Unverschämt. Und keine Dame.
Das war es, was mir natürlich wieder einmal imponierte. Meine erste Frage an sie natürlich war, wenn wir schon ins Outback fuhren, zum größten Heiligtum der Ureinwohner, ob es dann wohl auch irgendwann einmal „Bush Tucker“ zum Probieren gab?
Kurz angebunden schüttelte Robin den Kopf: „ Nein.“
Noch immer eine Buschnahrung für mich…
Nach einigen Stunden Fahrt erreichten wir unsere befestigte Campside nahe des Uluru-Kata Tjuta- National Parks. Im Hintergrund konnte man, sogar mit all den grauen Wolken, die den Himmel bedeckten, den riesigen Felsen, Ayers Rock (oder in der Aborigine- Sprache „Uluru“) erahnen. Wir hatten ja eigentlich gehofft, an diesem Abend einen der berühmten Sonnenuntergänge mit dem prächtigen Farbenspiel zu sehen…
Aber Robin warf nur einen kurzen, abschätzenden Blick in den Himmel und meinte, dass das bei diesem Wetter wohl eher unwahrscheinlich war.
Uluru, der auf all den bekannten Australienbildern strahlend rot erscheint, entpuppte sich dann auch, als wir uns ihm näherten nach all dem Regen und den dunklen Wolken als kahle Felswand von eher dunkelgrauer Farbe.
Wir ließen den Felsen aber erst einmal am Wegesrand links liegen, denn Robin hatte für diesen Nachmittag eine Wanderung in die Olgas(bei den Aborigines „Kata Tjuta“ genannt)
geplant. Diese Felsengruppe besteht aus demselben Gestein wie Uluru und ist etwa 40km von diesem entfernt. Ausgerüstet mit hohen Wanderschuhen und vermummt in meine Regenjacke
war ich bereit für meine erste Wanderung in der Wüste.
Was sich dann vor uns ausbreitete, war eine fast überirdische, leuchtend rote Mondlandschaft, die riesigen Felsendome Kata Tjutas dominieren die umgebende flache Landschaft und uns blieb nichts anderes übrig, als vor Staunen den Mund aufzureißen.
Wegen des Regens ist das Gestein tief rot, aber vereinzelte, verirrte Sonnenstrahlen malen orangene Flecken auf die Felswände, die Spitzen der Dome berühren die Wolken und Nebelzungen kriechen durch die tiefen Spalten zwischen den einzelnen Bergen.
Das ist nun wirklich ein beeindruckender, heiliger Ort—
ein heiliger Ort für die Männer des Stammes, die dort noch immer ihre Initiationsrituale durchführen. Nur 2 Wanderwege sind für die Öffentlichkeit zugelassen, um die Ruhe und Abgeschiedenheit dieser magischen Landschaft nicht zu stören.
Robin wählte den „Valley of the Wind“ – Pfad, den Weg durch das Tal des Windes.
Dort begegneten wir zwischen den Felsen einer wahren Oase, fließendes Wasser und kleine Wasserfälle, die sich den Weg über das kahle Gestein bahnten. Und mit einem Mal ertönte über unseren Köpfen ein Schrei, der uns aufsehen ließ. Über allem segelte majestätisch ein mächtiger Keilschwanzadler. Mit seinem charakteristischen dreieckigen Schwanz ist er einer der größten Adler der Welt. Doch während Grzimek in seinem „Tierleben“ vor einigen Jahren wegen Bejagung und einem Mangel an Nahrung noch das Aussterben dieses gewaltigen Greifvogels in Australien vorhersagte, hat die Zahl der Adler in der letzten Zeit enorm zugenommen. Denn sie haben die vielen Kaninchen als Beute entdeckt, die stellenweise eine echte Landplage im Outback sind. Mittlerweile sind die Adler so häufig, dass man sie zu Dutzenden an den Highways durch das Outback auf überfahrene Tiere lauern sieht.
Ich selbst hatte schon eine weniger rühmliche Begegnung mit einem „Wedge Tailed Eagle“,
als ich in Tasmanien mit einem Mietwagen eine beschauliche kleine Straße entlang fuhr.
Plötzlich sah ich in einiger Entfernung vor mir einen Vogel auf einem Stück Aas auf der Straße sitzen. Ich dachte, dass es eine Krähe wäre, die schon rechtzeitig meinem Auto ausweichen würde, bremste also kaum ab. Nur kam ich immer näher, und der Vogel wurde immer größer— das war definitiv keine Krähe!
Nur langsam und mit einer Gelassenheit, die so nur ein majestätisches Tier ausstrahlen kann,
breitete der Adler seine Schwingen aus. Er flog aber nicht davon, sondern machte nur einen kurzen Sprung wenige Meter in den Straßengraben, völlig ungeniert und respektlos vor meinem Auto. Und er warf mir einen Blick hinterher, der wohl sagen sollte, nun gut, für diesmal will ich dir noch Platz machen…
Wir kraxelten zu einem Aussichtspunkt auf einem der Felsen Kata Tjutas hoch, von dem aus die Aussicht atemberaubend war. Vor uns breitete sich eine rote Savannenlandschaft aus, grüne Bäume, dahinter und dazwischen immer wieder eindrucksvolle Felsendome.
Mit dem Wind zogen Wolken darüber, einzelne Sonnenstrahlen berührten die Erde, frisches, grünes Gras zeigte sich auf dem roten Boden und ein seltsames Gefühl ergriff mich.
Es war fast, als könne man von diesem Aussichtspunkt aus in die Vergangenheit sehen.
Man blickte hinunter in diese unberührte Wildnis und man hoffte, nein, man ahnte, dass jeden Moment ein uralter, verlorener Stamm der Ureinwohner aus den Büschen ins Freie trat.
Für den Abend nahmen wir uns wider besseren Wissens vor, auf den Sonnenuntergang am Uluru zu warten. Das Wetter hatte sich überraschend gebessert und immer zahlreicher brachen einzelne Sonnenstrahlen durch die Lücken in der Wolkendecke. Nun bestand doch eine gute Chance, den Sonnenuntergang zu sehen…
Und wir haben tatsächlich Glück!
Wahnsinn, an diesem Ort, an dem es durchschnittlich nur alle paar Jahre einmal regnet (laut Robin sind die Wasserfälle am Ayers Rock auch nur alle drei Jahre zu sehen), freuen wir uns,
als wider Erwarten doch einmal die Sonne den riesigen Felsen bescheint und er uns allen seine rote Farbe zeigt, die jeder kennt.
Nach dem Abendessen zurück im Camp habe ich eine Dusche dringend nötig. Denn auch unter meiner Regenjacke habe ich bei der Wanderung ziemlich geschwitzt. Freudig sprang ich unter das heiße Wasser, trockne mich danach laut vor mich hinsummend ab.
Plötzlich war ich aber nicht alleine…
Denn ein alter Mann aus unserer Gruppe, ein vielleicht 80 Jahre alter Neuseeländer mit Hörgerät, hatte doch tatsächlich die männliche mit der weiblichen Dusche verwechselt
und kam zu mir in die Dusche gestürmt, gerade als ich in meiner ganzen Nacktheit dastand!
Ich bemerkte ihn erst nicht, so sehr träumte ich noch von den Erlebnissen des Tages.
Erst als er einen lauten Schrei des Erschreckens ausstieß und schneller davonrannte als ich es ihm zugetraut hätte, begriff ich die Situation. Doch ich war keinesfalls erschrocken oder peinlich berührt, sondern brach in ein schallendes lachen aus, als ich dem Mann nachrief:
„ Hey, du bist hier falsch!“
Gleichzeitig machte ich mir aber schon Gedanken darüber, WIE hässlich ich eigentlich war, wenn man schreiend vor mir davonlaufen musste!
Die nächsten Tage war ich sehr bemüht, wieder Frieden mit dem alten Mann zu schließen.
Er wich mir zwar aus, aber ich kam ihm immer wieder nach, war höflich, half ihm, machte Witzchen und zeigte ihm, dass ich ihm seinen Fehler nicht übel nahm.
Beim Frühstück des nächsten Tages wurde Amber, der Kanadierin, mit der ich mich so gut verstand, und mir erst so richtig bewusst, wie sehr sich der französische Teil unserer Gruppe
vom Rest abschottete. Sie redeten kaum mit uns…aber sehr wohl ÜBER uns!
Denn Ambers Mutter stammte aus dem französischen Teil Kanadas und sie verstand es recht gut, es die ganze Tour vor den Franzosen zu verbergen, dass sie jedes Wort verstand, das sie von sich gaben. Und das war oft kein gutes über uns, die nichtfranzösische Minderheit in der Tourgruppe. Wir waren ihnen wohl nicht zivilisiert genug und Robin, die zugegebenermaßen etwas burschikose Führerin, erregte oft ihren Unmut. Also verbesserten Amber und ich unsere Beziehung zu Robin dadurch, dass wir mit ihr die Köpfe zusammensteckten und ihr berichteten, was der neuste Punkt war, über den gelästert wurde. Der peinlichste Moment für die Franzosen war zweifellos an diesem Morgen beim Frühstück, als sie aus der Macht der Masse heraus alle Brötchen und die Marmelade an ihrem Tisch horten, während es uns gelungen war, den Käse zu erobern.
Mein Schulfranzösisch war nie das Beste, aber immerhin würde es mich davor bewahren, in Frankreich zu verhungern. So verstand ich aus Wortfetzen am Nebentisch, dass der „Fromage“ gesucht wurde. Um ein höfliches Vorbild zu geben (immerhin hatte mich mein tasmanischer Tierarzt immer wieder darauf hingewiesen, wie sich eine australische „Lady“ zu verhalten hat) reiche ich ohne weitere Worte mit einem freundlich gesäuselten französischem
„Bitte schön“ den Käse ins Feindeslager weiter.
Ich ernte entsetzte Blicke. Wildes Getuschel brach aus. Dann, endlich, kam leise und peinlich berührt die Frage auf Englisch: „ Du kannst uns verstehen??????“
Ich grinste frech: „ Ich hatte Französisch in der Schule!“
Doch auch dieses Erlebnis hat die Gruppe nicht lange vom Lästern abgehalten.
Am nächsten Morgen wollten wir noch einmal versuchen, einen Sonnenaufgang am Uluru mitzuerleben. Dazu standen wir zwar angemessen früh auf, aber die dichte Wolkendecke machte uns einen Strich durch die Rechnung.
Umso früher konnten wir unsere Wanderung um den Felsen herum antreten.
Die Franzosen hatten beschlossen, Uluru zu besteigen, was für weiteren Unmut in der Gruppe sorgte. Denn aus Respektsgründen den Aborigines gegenüber sollte man nicht auf den Berg klettern:
Das war ihr heiliger Ort, und außer zu einer ganz bestimmten Zeremonie, der Mala- Zeremonie, besteigen auch die Aborigines ihr Heiligtum nicht. Das wäre in etwa gleichzusetzen mit einem Free- Climbing am Petersdom!
Die Möglichkeit, den Berg zu besteigen, besteht aber durchaus—wenn auch nur aus finanziellen Gründen, um abenteuerliche Touristen anzulocken, denen kulturelle Gefühle nicht so sehr am Herzen liegen.
Ich persönlich entschied mich auch dagegen, natürlich aus Respekt, aber auch, weil ich mir den Ärger meines tasmanischen Tierarztes nicht zuziehen wollte. Immerhin war er einer der wenigen Aussies, die ich kennen gelernt habe, die statt eines rassistischen Hasses auf ihre Ureinwohner Respekt und Faszination für deren Lebensweise zeigen. Er würde mich erwürgen! So respektlos verhielt sich doch keine Lady!
Zum Glück kam es aber auch bei den Franzosen zu keinen Gewissenskonflikten, denn wegen des nassen Wetters war der Aufstieg gesperrt. Ich sah mir das erste Stück des Weges den Berg hinauf an und verstand auch sofort, warum. Beinahe unwirklich steil geht es da hoch—
kein Wunder, dass es hier so viele Unfälle gibt. Warum hier jemand freiwillig hochsteigen
wollte, konnte ich mir nun wirklich nicht mehr vorstellen.
Pünktlich zu unserer Wanderung um den Ayers Rock herum begann es wieder, aus Strömen zu gießen und wieder erwies sich meine Regenjacke als wichtigster Begleiter in der Wüste.
Der Wanderweg ist 9,1km lang und vermittelt eindrucksvoll die Macht dieses heiligen Berges.
Uluru ist, anders als Kata Tjuta, ein Heiligtum für beide Geschlechter. Allerlei Löcher und Spalten zieren den Fels, der bei näherer Betrachtung bei Weitem nicht so glatt und poliert ist, wie er aus der Ferne scheint. Ayers Rock besteht eher aus einem Konglomerat aus vielen Findlingen und Kieselsteinen, die sich mit der Erosion aus dem Felsverband lösen.
Nun bilden diese Verwitterungsfiguren allerlei Bilder, die bestimmte Dinge aus der Glaubenswelt der Aborigines repräsentieren. Rund um den Berg gibt es immer wieder Stellen, die man nicht fotografieren darf, da sie heilig sind, teilweise sind es weibliche heilige Stätten, männliche oder auch beides. Ich habe auch das respektiert, immerhin darf man ja auch in Kirchen nicht immer so fotografieren, wie man das gerade möchte.
Doch nach der Betrachtung einiger dieser heiligen Orte bildete ich mir meine ganz eigene Theorie, was das Fotoverbot anging. Denn einige von ihnen sind, etwas Fantasie vorausgesetzt, sehr witzig. Eine der heiligen Stätten der Frauen ist geformt wie ein Wallaby- Beutel, ein anderer wie eine Vagina. Als ich bei der Wanderung schließlich einen Felsabschnitt sah, der ganz wie ein Penis geformt war, verkündete ich schon von weitem:
„Wetten, das ist jetzt eine Männer- Kultstätte…“
Und, tatsächlich.
Vielleicht sollte dieses Fotoverbot ja nur der Pornografie vorbeugen…
Im Laufe der Wanderung kam dann schließlich doch noch die Sonne raus und Robin machte sich mit großem Eifer daran, uns einige heilige Stätten zu zeigen, darunter das Mala- Waterhole mit seinen wundervollen Reflektionen, das an diesem Tag randvoll mit Wasser gelaufen war.
Am Uluru gibt es nur 2 ständige Wasserlöcher, die auch in der Trockenzeit Wasser haben—
folglich waren auch das heilige Orte.
Doch eine Trockenheit brauchten wir in diesem Moment nicht zu fürchten, der Berg berührte mit seiner Spitze die Wolken, er war dunkelgrau, schwarz, dunkelrot, völlig durchnässt von Feuchtigkeit. Aber das wundervollste waren die Wasserfälle, die sich in die Tiefe stürzten. Unter jedem Wasserlauf hatte sich das Gestein durch die Algen schwarz verfärbt, was dem Fels einige kleidsame, schwarze Streifen verpasste.
Ich liebe Wasserfälle, ihr grandioser Anblick und das beruhigende Rauschen üben einen ganz besonderen Reiz auf mich aus. So breche ich bei jedem Wasserfall, den ich sehe, in hysterisches Rufen aus und auch Robin schloss sich schließlich meiner Kinderei an und machte mich mit dem Schrei: „Ellen, Waterfall!“ auf jeden neuen aufmerksam.
Diese Naturschauspiel war umso beeindruckender, wenn man sich vergegenwärtigte, wie selten es war und dass es sich nur alle paar Jahre einmal wiederholte.
Gute zwei Stunden benötigten wir für die Wanderung, aber es wäre wohl auch noch schneller zu schaffen. Nur hatte sich um den Uluru herum eine fast undurchdringliche Sumpflandschaft gebildet, die von uns verlangte, teilweise durch kleine Bäche und Teiche zu waten.
Und das mitten in der Wüste!
Das Wetter macht es an diesem Abend auch schwierig, trockenes Feuerholz für das Abendessen zu finden. Wir schleppen nur einige dünne, dürre Zweige an, die sich laut Robin nur als „Bonfire Wood“ eignen. Immerhin sei das Lagerfeuer ja das Fernsehen der Australier
(„Aussie TV“).
Auf dem Weg zum Kings Canyon ( Watarrka in der Aborigine Sprache) am nächsten Tag
können wir uns über einen Mangel an Wildtieren nicht beschweren, denn unterwegs sehen wir
einen Dingo, ein rotes Riesenkänguru und einige Keilschwanzadler. Am Canyon selbst trifft Robin dann eine folgenschwere Entscheidung:
Aus Rücksicht auf die älteren Mitglieder unserer Gruppe laufen wir nicht den Weg hoch, den man normalerweise geht (also den berüchtigten „Heartattack hill“, den „Herzschlag- Hügel“),
sondern wir starten vom Ende aus. Das geht einfacher, ist nicht so steil, die Stufen sind besser, weil neuer—
Warum nicht dieser Weg der Startpunkt der Wanderung ist, erschloss sich keinem von uns, aber Australier konnte und musste man manchmal nicht verstehen…
Die Aussicht jedenfalls ist herrlich. Eine endlose Savanne unter uns und all der rot- gelbe Fels. Der Canyon besteht aus Sandstein, Überreste einer 400 Millionen Jahre alten Sanddünenlandschaft und er bietet einen Schwindel erregenden Blick in 200m Tiefe.
Nachdem man am Rand des Abgrunds entlang gewandelt ist, folgt der Abstieg zum paradiesischen Wasserloch, das „Garden of Eden“ heißt. Auch hier stürzt sich wieder ein Wasserfall in die Tiefe, eingerahmt von uralten Palmen.
Zu Beginn hatte Robin uns geraten, den Weg zum Wasserloch zu laufen und dann denselben Weg wieder zurück, also nicht den gesamten Weg in umgekehrter Reihenfolge. Amber und ich aber interessieren uns für die Formation am anderen Ende, die „Lost City“, verlorene Stadt, heißt, entscheiden uns gegen Robins Rat und laufen den Weg auf der anderen Seite des Canyons zurück. Dummerweise folgen uns auch die Franzosen, also ein Großteil unserer Gruppe, was für ziemlichen Wirbel und Aufregung bei den Rangern sorgt, womit es unsere Schuld war, dass Robin mit ihnen Ärger bekam…
Nach der Wanderung müssen wir zurück nach Alice Springs fahren und dort diejenigen der Gruppe, die nur eine 3-Tagestour gebucht haben, wieder in der Zivilisation aussetzen. Schweren Herzens verabschiede ich mich von Amber, bin aber doch froh, dass sich unsere Gruppe mit einem Mal so verkleinert hat und wir jetzt nur noch 5 Leute sind. Und vor allem haben wir die Franzosen los…
Leider waren wegen das Wetters die Schlammpisten, die als Abkürzung nach Alice Springs dienen, gesperrt, so dass Robin einen großen Umweg über die befestigen Straßen fahren musste. Erst mitten in der Nacht und in absoluter Dunkelheit erreichten wir unsere neue Campside. Und vor dem Schlafengehen versprach uns Robin noch einen überwältigenden
Ausblick zum Frühstück.
So wachten wir am nächsten Tag vor der gigantischen roten Felswand der „Glen Helen Gorge“ auf. Vom Wasserloch vor der Felswand aus steigt Morgennebel auf, der im Licht der aufgehenden Sonne absolut irreal wirkt. Vom Camp aus führt ein 400m langer Weg zu diesem Wasserloch. Als ich mich aufmache, ist der Nebel eben dabei, sich zu lichten, aber am Wasserloch herrscht eine herrliche Stille, nur der kleine Bach, der es speist, fließt sprudelnd
über die Steine in seinem Bachbett.
Nach dem Frühstück fahren wir erst einmal zu einem Aussichtspunkt, von dem aus man einen wundervollen Blick über die Western Mc Donnell Ranges hat. Beide Seiten der Straße sind eingerahmt von diesem uralten Gebirge, das nur noch 500m hoch ist. Selbst zur Zeit der Dinosaurier war es bereits alt und abgetragen, aber vor 300 Millionen Jahren, da war es so mächtig wie der Himalaja! Wie klein kommt man sich selbst vor, wenn man sich diese Dimensionen vorstellt…
Die Aborigines haben dagegen eine ganz andere Geschichte, die die Entstehung dieses Gebirges beschreibt: Die Form der Hügel, mit den sanften Wellen und den gewellten Felsformationen lässt sie die „Caterpillar Creation Story“ über dieses Gebirge erzählen,
nach der viele, viele riesige Schmetterlingsraupen die Berge geschaffen haben.
Kurze Zeit später, in der Orminton Gorge, stellt sich uns eine neue Herausforderung.
Der ansonsten kleine Bach ist ziemlich stark angeschwollen, und um den besten Platz, um Rock Wallabies (kleine, gut getarnte Kängurus) zu beobachten, erreichen zu können, muss der flussbreite Creek durch- und überquert werden.
So haben wir uns eine kleine Furt gesucht, an der wir es schaffen konnten, über wacklige Steine zu klettern und den Wasserlauf zu überqueren. Robin zog als erste ihre Schuhe aus und spazierte wie selbstverständlich ins Wasser. Nacheinander, mit gegenseitiger Hilfe, fangen wir an, den Fluss zu überqueren. Die erste Person ist drüben, dann die zweite…
dann bin ich an der Reihe. Und wer landet natürlich im Wasser?
Naja, wenigstens gebe ich mit meinem nassen Hintern der ganzen Gruppe einen Grund zum Lachen und in der Mittagshitze trocknet meine Hose recht schnell.
Die Steine im Fluss waren aber auch sehr rutschig!
Nach einem weiteren Kilometer Wanderung, die sich aber als nicht mehr so abenteuerlich entpuppte, hielten wir plötzlich an einer gemütlichen Gruppe blank geschliffener Felsen, auf denen es sich gut sitzen lies.
„Hier halten wir nach den Felsenwallabies Ausschau!“ verkündete Robin und wies auf die umliegenden Felswände. Zuerst starren wir reichlich stumpfsinnig vor uns hin, wir wussten ja nicht genau, nach was wir Ausschau halten! Gesprochen wurde nur noch im Flüsterton, um eventuelle Tiere nicht doch noch zu verscheuchen. Zur Ablenkung verfüttert Robin einige Stücke Fruchtkuchen an uns alle, bis sie schließlich meint, ein Wallabie erspäht zu haben.
Wir starren noch immer und Robin beginnt, zwei Feldstecher herumzureichen und jedem zu erklären, wonach er schauen soll. Kaum haben wir begriffen, worauf es ankommt, da sehen wir die kleinen Tiere. Wir sind regelrecht umzingelt! Als wir etwas mutiger geworden sind, wagen wir es sogar, uns mit unseren Kameras anzupirschen, was aber kaum von Erfolg gekrönt ist. Dazu sind die kleinen, flinken und mit ihrem felsgrauen Fell gut getarnten Tiere viel zu scheu.
Gut eine Stunde sitzen wir an dieser beschaulichen Stelle, freuen uns über unsere Beobachtungen, essen Fruchtkuchen und genießen das Beisammensein in einer nur noch kleinen Gruppe.
Beim Zurückgehen entscheide ich, nicht wieder an der Furt des Creeks über die glitschigen Steine zu klettern, sondern stattdessen etwas flussaufwärts durch das sandige Flussbett zu waten. Vom Ufer aus sah das eigentlich recht gut aus und vor allem ungefährlicher als meine erste Überquerung. So ziehe ich meine Schuhe aus und fange an, durch das braune Wasser zu waten. Das ältere Ehepaar aus unserer Gruppe, das mit der Felskletterei auch nicht unbedingt so glücklich war, wartet dabei am Ufer, ob ich es schaffe, einigermaßen sicher das andere Ufer zu erreichen. Gut, der erste Teil stellt sich nicht als schwierig dar und das Wasser geht mir kaum über die Knie, als ich die kleine Sandbank in der Mitte des Flusses erreiche. Doch kaum lasse ich diese hinter mir, wird es plötzlich unheimlich, weil es mit einem Mal doch recht tief wird!
Irgendwann stehe ich bis zu den Hüften im Wasser und meine Unterhosen sind natürlich nass…
Auch wenn sich nun die alten Leute, die mich vom anderen Ufer aus beobachten, zuerst totlachen über meine nasse Hose, entscheiden sie schließlich doch, es mir nachzutun.
Nur, die beiden werfen gleich ihre Kleidung ganz vom Leib und durchqueren den Fluss NUR IN UNTERHOSEN. Ich rufe ihnen zu: „Ist euch das denn nicht peinlich?“, weil mir die übertriebene Prüderie der Australier sehr wohl bekannt ist. Aber das alte Ehepaar lacht nur und antwortet: „Wir sind so alt, da schaut doch eh keiner mehr her!“
Anschließend besichtigten wir noch einige andere faszinierende Orte, wie Ennants Big Hole, ein einsames Wasserloch und die Ochre Pits, die Ockergruben der Aborigines. Obwohl ein großes Schild verbietet, den Ocker auch nur anzufassen, demonstriert uns Robin trotzdem an einigen Krümeln den Gebrauch des Ockers durch die Aborigines. Mein Gesicht muss daher für eine Kriegsbemalung herhalten und Robin meint abschließend, dass sie mich jetzt wohl in den Circus schicken könnte.
Das Camp an diesem Abend befindet sich in einer Aborigine- Siedlung, und einige Ureinwohner führen uns durch die Wüste zu ihrem Wasserloch und zu einigen Jahrhunderte alten Felszeichnungen, sie erklären und zeigen uns auch einige wild wachsende Nahrungs- und Medizinpflanzen. Doch leider komme ich auch diesmal nicht an meine lang ersehnten Maden…
Der nächste Tag bot mit der Fahrt ins Palm Valley einen weiteren Höhepunkt. Dieses abgeschiedene Tal lässt sich nur mit einem Geländewagen erreichen. Unser Tourbus war hier klar im Vorteil, da die Wege derartig überschwemmt waren, dass kleinere Fahrzeuge der anderen Touristen gar nicht durchkamen. Doch wir konnten problemlos über und durch kleinere Sanddünen und durch angeschwollene Bäche pflügen, wobei das Wasser teilweise so hoch war, dass wir den Grund unter unseren Reifen nicht mehr sehen konnten. Unterwegs stießen wir auf mehrere Herden von wunderschönen Brumbies, den australischen wilden Buschpferden. Leider setzen die Ranger des Nationalparks im Moment alles daran, diese Wildpferde auszurotten, denn sie gehören nun einmal nicht in den australischen Busch und zerstören zusammen mit anderen eingeschleppten Tieren die empfindliche Flora.
Um uns bei der langen und ruckeligen Fahrt unterwegs die Beine etwas zu vertreten, hielten
wir an einem Aussichtspunkt vor einer grandiosen Canyonlandschaft, tiefrote Felsformationen die sehr an die Bilder des Grand Canyon in den USA erinnerten. Hier sollten wir nach etwas Ausschau halten, das „Euro“ hieß. Nein, kein verlorenes Geld, sondern eine weitere Art von Felsenkängurus, die diesmal aber wesentlich größer waren als die Rock Wallabies.
Dabei erwerbe ich einen Ruf als hervorragender Wildtierbeobachter—
denn sobald mir Robin gezeigt hatte, wie so ein Euro aussah, konnte ich sie überall auf den Felsen herumspringen sehen. Ich versuchte zwar, auch den anderen die Tiere zu zeigen, die da scheinbar ohne an die Schwerkraft gebunden zu sein an senkrechten Felswänden herumhüpften, doch leider konnte sie kein anderer erkennen.
Durch Flüsse und Schlaglöcher ging es dann weiter durch die grüne Wüste zum Palm Valley.
Nach einer kurzen Wanderung erreichten wir dieses sagenhafte Tal, mit einem Mal standen wir im Paradies. Mitten in der Wüste zeigte sich uns eine Oase, die ein schnell fließender Fluss mit kühlem Wasser speist. Viele, viele Palmen stehen hier, die dem Tal seinen Namen gegeben haben und die ein Überbleibsel von den Tagen sind, als das Zentrum Australiens noch wesentlich feuchter war. Die nächsten Verwandten dieser Palmen stehen heute im feuchten, tropischen Queensland, tausende von Kilometern entfernt.
Das kühle Wasser des Flusses war eine echte Erfrischung in der Mittagshitze, dankbar streckte ich meine Füße hinein. Robin krönte diese Erfrischungspause schließlich noch mit etwas Fruchtkuchen.