2. Kapitel: Trockenzeit in der Wüste
Gemeinhin heißt es, der Juni wäre die beste Zeit, das rote Zentrum Australiens zu besuchen.
Dann ist es wegen des australischen Winters nicht so heiß und außerdem ist zu dieser Zeit die Trockenzeit in der Wüste.
Vielleicht hatte ich ja auch etwas falsch verstanden, denn ich kam im strömenden Regen in Alice Springs an.
Schon aus dem Flugzeug ist es beeindruckend, die rote Erde unter sich zu sehen—
nur war sie nicht verbrannt, wie auf den Bildern, die ich kannte, sondern dunkelrot, blutrot, vom vielen Regen. Überall standen grüne Büsche und Bäume in vollem Saft.
Wenn das die Trockenzeit war, mochte ich mir die Regenzeit nicht vorstellen!
Auch die nächsten Tage sollte es erst einmal ununterbrochen regnen…
Für den nächsten Tag hatte ich mich für einen Ausflug zum Dessert Park entschieden,
der vor Alice Springs gelegen einen Einblick in die Lebenswelt der Wüste gibt.
Unterwegs zum Park erfahre ich vom Busfahrer, einem echten Central Australian,
dass dieses konstante Regenwetter und die seit über einer Woche geschlossene Wolkendecke ungewöhnlich ist. Immerhin fließt jetzt sogar der Todd River, der sonst ein trockenes Flussbett ist, das sich durch Alice Springs windet!
Er wiederholte immer wieder, was für ein Glück ich hätte, denn Regen wäre eine Seltenheit, Regen ist wirklich etwas Besonderes!
Der Dessert Park wird natürlich wegen des Wetters seinem Namen nicht gerecht und außer mir verirren sich nur eine Handvoll Leute hierher. Froh über meine Regenjacke stapfte ich durch den strömenden Regen, wobei der Park einen eher tristen Eindruck machte. Auch die obligatorischen Kängurus und Emus standen nur traurig und begossen herum, verkrochen sich unter den Büschen.
Schluss endlich blieb ich bei dem Unterstand eines Aborigine- Parkrangers stehen.
Er gab alle paar Stunden eine Vorführung über Bush Tucker und Buschmedizin.
Nun, das war eine Sache, die mich brennend interessierte. Ich hatte schon so viel über das Überleben in der Wüste gelesen und im Fernsehen gesehen, ich war während meines gesamten Australienaufenthaltes regelrecht fixiert auf alles, was Bush Tucker, also die Nahrung aus dem Busch, anging. So sehr, dass ich sogar einige Dinge zu mir nahm, von denen ich besser die Finger gelassen hätte!
Doch ich hatte ja auch schon das von den Australiern so geliebte und von jedem anderen Menschen verteufelte „Vegemite“ kennen gelernt. Das ist jetzt nicht unbedingt Bush Tucker,
sondern eine industriell hergestellte, stark salzige Hefepaste, die viel Vitamin B enthält.
Nach einer kurzen Eingewöhnung hatte ich sie doch recht gern und immer etwas als Proviant dabei, denn es ist eine gute Suppen- und Soßengrundlage und mit Butter und Käse ganz lecker auf Brot. Meine deutschen Freunde hingegen, denen ich dieses „Vegemite“ zum probieren verabreicht hatte, waren der einhelligen Meinung, dass es sich dabei nur um etwas handeln konnte, das schon SEHR lange tot war.
Was konnte wohl schlimmer sein???
Die nächsten 20 Minuten hatte ich meinen Aborigine- Ranger für mich alleine, denn wegen des Wetters trudelten die Leute nur sehr langsam ein. Doch so konnte ich mich umso ausgiebiger mit ihm unterhalten. Was mich nun natürlich am meisten interessierte—
würde ich im Rahmen dieser Vorführung die Möglichkeit haben, „Widgetty Grubs“ zu essen?
Diese dicken Maden, die fingerlang werden, im Holz der Wattle Trees leben und als Delikatesse bei den Ureinwohnern gelten? Das wollte ich schon lange, auch im Jahr zuvor, aber immer wenn ich kam, waren sie entweder aus oder der Laden hatte aus unerfindlichen Gründen dicht gemacht.
Der Ranger musste lachen, schüttelte dann aber den Kopf. Leider war das die falsche Zeit, denn genau zu dieser Zeit verpuppen sich die Maden…
An dieser Stelle erfuhr ich dann auch, dass die „Widgetty Grubs“ in Wirklichkeit keine Maden, also Fliegenlarven waren, und auch keine Engerlinge, also Käferlarven,
sondern Schmetterlingsraupen, aus denen nach der Verpuppung große Motten werden.
Diese wichtige Nahrungsquelle der Aborigines, auf die ich so neugierig war, war also im Moment dabei, auszufliegen. Natürlich vermutete ich dahinter sofort eine groß angelegte Verschwörung der Natur…
Dafür zeigte mir der Ranger dann aber andere Dinge, Dutzende von Schalen mit Buschmedizin und- tucker (einige Beeren durfte ich sogar probieren und auch die kleine, einheimische Buschpflaume, die Frucht mit dem höchsten natürlichen Gehalt an Vitamin C,
die wohl ebenso gesund schmeckt und sich wohl deswegen nicht durchgesetzt hat).
Ebenso bekam ich die Jagdmethoden und Waffen demonstriert und auch einige Waffen zur Bestrafung von Verbrechern: einen Bestrafungsspeer, mit dem geringere Vergehen geahndet wurden, indem der Verbrecher verstümmelt wurde und die Bestrafungskeule, die zur Hinrichtung diente.
Als gar nicht so einfach entpuppte sich das Speerwerfen mit der Speerschleuder (Woomera).
Speer und Schleuder gleichzeitig unter Kontrolle zu halten und dabei nicht beide Dinge von sich zu werfen stellt eine echte Kunst dar!
Jede Speerschleuder ist ein ausgefeiltes Stück Technik:
Hinten befindet sich zum Einhaken des Speers ein Dorn und ganz vorne sitzt ein Feuersteinmesser, um das erlegte Känguru gleich aufzubrechen.
Zusammengeklebt werden die Einzelteile mit einem natürlichen Kleber, den die Aborigines aus dem harten, stacheligen Spinifex- Gras herstellen. Spinifex- Gras ist in der Wüste besonders unangenehm: Es ist sehr hart, und sticht selbst durch Kleidung, feste Schuhe und lange Hosen sind deshalb immer anzuraten.
Am nächsten Tag blieb ich auf meinem Weg zum Flying Doctor Service bei dessen Nachbarn hängen, die sich für mich als Tierarzt natürlich als viel interessanter erwiesen:
Das Alice Springs Reptile Centre.
Die vielen Terrarien und Displays mit einheimischen Reptilien lassen jedes Herpetologenherz höher schlagen und jeder Naturfreund kann sich die gefürchtesten Giftschlangen Australiens
und sogar ein Salzwasserkrokodil sicher aus der Nähe betrachten. Als Ameisenliebhaber traf ich dabei auch auf einen Seelenverwandten, den putzigen, stacheligen Dornteufel, der die kleinen Insekten allerdings zum Fressen gern hat. Ich hoffte ja sehr, noch einmal einen in der Wüste in freier Wildbahn zu sehen, wobei mir hier aber das Wetter einen Strich durch die Rechnung machte, da sich die Reptilien nur bei Sonnenlicht zeigen.
Bei der einstündigen Vorführung wurde dann die Handhabung, Haltung und die Besonderheiten einiger Reptilien erläutert, darunter Blauzungenskinks, Tannenzapfenskinks, Bartagamen und eine 3m lange Pyton. Eben diese Schlange durfte dann auch einmal über die Schultern aller Anwesenden kriechen und mit ihrer kitzeligen, gespaltenen Zunge in mein Ohr züngeln…
Nach dem Erlebnis, einige der Echsen selbst einmal in der Hand gehalten zu haben, machte ich mich noch auf zum Central Australian Museum—
wo ich als erstes einen Bush Tucker- Muffin im kleinen, dazugehörigen Cafe erstand.
Dieses ist fast mehr zu empfehlen als das Museum selbst, das in seiner Naturgeschichtlichen Sammlung viele Meteoriten und Kraterdisplays, Fossilien (darunter die fossile Megafauna
mit den riesigen Wombats, Kängurus und Waranen), rezente Fauna und eine Ausstellung von Mineralien und Kristallen zeigt.
Bei entsprechendem Wetter ist es mit Sicherheit ansprechender, die Natur vor Ort anzusehen statt auf verstaubte Knochen hinter Glasscheiben zu starren, aber auch so hatte ich einen
interessanten Tag hinter mich gebracht.
Nun konnte ich es aber kaum noch abwarten, selbst in die ungezähmte Wüste aufzubrechen…