1. Kapitel: Ameisen in Singapur

Fast ein ganzes Jahr war ich in Australien gewesen. Ich war damals noch Student der Tiermedizin und habe für mein großes Praktikum 8 Monate in einer Tierklinik auf Tasmanien gearbeitet und dabei einige wunderbare Begegnungen mit Wildtieren gehabt.

Denn die Klinik auf Tasmanien versorgte nicht nur normale Haustiere, Hunde, Katzen, Pferde, Rinder, nein, sondern auch einen Wildpark, was mich in hautnahem Kontakt brachte mit all den tollen australischen Tieren: Tasmanischen Teufeln, Kängurus, Wombats…

Ich hatte sogar die Gelegenheit, ein kleines Beuteltier, ein Bandicoot, mit der Flasche aufzuziehen.

In der restlichen Zeit meines Aufenthalts bin ich um den ganzen Kontinent gereist, lernte dabei interessante Leute kennen, bekam endlich die wahre Geschichte des Krokodilangriffs auf eine Deutsche zu hören, besuchte eine Aborigine- Grabstätte, kam in Kontakt mit Aborigine- Drogen, übte das Didgeridoo- Spielen und traf sogar eine Art Prinzen mit einem Schloss, den Sohn einer der reichsten Familien des Landes.

Über meine Eindrücke bei meiner Rundreise möchte ich hier berichten.

Eine meiner wundersamsten Begegnungen hatte ich bereits, bevor ich den australischen Kontinent überhaupt betrat.

Ich saß in der Wartehalle des Flughafens von Singapur, um auf meinen Umsteigeflug zu warten (hier hatte ich 3 Stunden Aufenthalt, die die 22 Stunden Flug nur noch verlängerten).

Meine Gedanken konzentrierten sich ganz auf meinen bevorstehenden Aufenthalt in Australien, meine Arbeit als Tierarzt, aber vor allem natürlich all die Naturschönheiten und die Wildnis, die ich dort sehen würde. Ich hatte geplant, den Kontinent fast komplett zu umrunden, und dabei als Backpacker in Herbergen zu übernachten.

Ayers Rock, den Kakadu Park, die Wildnis der Kimberleys, das Great Barrier Reef—

all diese Dinge, die man aus dem Fernsehen kennt, live erleben!

Geistesabwesend blickte ich hinaus auf die Flugzeuge auf dem Rollfeld, als mich plötzlich jemand von hinten auf Englisch ansprach: „ Hi mate, going home to Brisbane?“

Ich drehte mich um, und sah in das freudestrahlende Gesicht eines alten Mannes.

Und ich erwiderte lächelnd auf Englisch, froh um eine Unterhaltung, die mich vom Einschlafen abhielt: „ Nein, eigentlich bin ich gerade von zuhause weg.

Ich bin aus Deutschland, aber ich verstehe gut, dass du mich mit einem Aussie verwechselst, mit dem Cowboyhut, den ich trage.“

Ich hatte mir bei meinem Australienurlaub im Jahr zuvor einen echten australischen Buschhut aus hellem Schweinsleder gekauft, von dem ich mich gar nicht mehr trennen konnte.

Obwohl ich somit ein echter „Aussie“, ein Australier, war, kamen der alte Mann und ich schnell ins Gespräch. Archie sei sein Name, sagte er, und er arbeite im South Australian Museum in Adelaide. Gerade komme er von einer Europareise zurück, er hatte dort die Ameisensammlungen des Londoner Naturkundemuseums und des Humboldt Museums in Berlin auf Vordermann gebracht. Immerhin stamme ein Teil der Sammlungen von ihm!

Und mit Deutschen wie mir hat er einige gute Erfahrungen gemacht. Während die Engländer einem Angehörigen ihrer ehemaligen Kolonien gegenüber äußerst reserviert und unfreundlich

gewesen waren, hatten die Deutschen den Australier gleich bemuttert, ihm Kaffee und eine Lupe für die Insekten gebracht.

Seinen Redefluss zu unterbrechen war mir zuerst nicht möglich, zu begeistert war Archie, einen Gesprächspartner gefunden zu haben. Ich betrachtete den Mann näher, und bei seinen Erzählungen von seiner Arbeit im Museum und von den Ameisen, die er sammelte, machte es auf einmal „Klick“ in meinem Kopf und eine gewisse Erregung erfasste mich.

Immerhin hatte ich selbst im Rahmen eines Schulprojektes vor langer Zeit einmal mit Ameisen gearbeitet und noch immer faszinieren mich die kleinen Tiere.

Als Archie dann endlich einmal Luft holte, hatte ich Zeit, eine Gegenfrage zu stellen:

„ Irre ich mich, oder habe ich dich vor kurzem im Fernsehen gesehen? Vor zwei Wochen kam ein Film über australische Ameisen im deutschen Fernsehen!“

Nun sah mich der alte Mann etwas verwundert an, murmelte etwas von:

„Ich wusste ja gar nicht, dass ihr das dort auch ausstrahlt…“ und war sichtlich etwas peinlich berührt, bevor er nickte und sagte: „ Ja, das wird wohl der Film sein, den die Neuseeländer neulich gedreht haben…“

Er lenkte von diesem Thema aber schnell ab und fragte mich: „ Du interessierst dich für Ameisen?“

„ Ja, in der Schule habe ich einmal mit ihnen gearbeitet. Für ein Wissenschaftsprojekt“,

ich freute mich tierisch, denn nun war mir eines klar, vor mir stand einer der bedeutendsten Ameisenforscher der Welt!

Archies Begeisterung für mich als Gesprächspartnerin stieg förmlich ins Unermessliche.

Neugierig wie ein kleines Kind stellte er mir Fragen über die gemeine, braune Rasenameise

und die rote Waldameise und ihre gewaltigen Bauten. Und ich befragte ihn über die riesigen australischen Bulldoggenameisen, beeindruckende Krabbler mit 2cm Länge und einem langen unangenehmen Stachel, und zu den gefürchteten, eingeschleppten Feuerameisen, die viele Vorgärten unsicher machen.

Unsere Wartezeit bis zum Weiterflug verging so viel zu schnell, aber Archie vergaß trotz seiner ganzen Aufregung nicht, mich zu einer Führung durch das South Australian Museum in Adelaide einzuladen—

und zu einem Aufenthalt in Adelaide, wo ich bei seinem Enkel, einem Zoologie- Studenten,

wohnen könnte.

Ich fühlte mich geehrt und versprach, das Angebot anzunehmen, wenn es mir möglich wäre.

Archie strahlte mich zum Abschied noch einmal an, forderte mich auf, seine Einladung anzunehmen.

„I just LOVE to talk to fellow ant people! “ (ich liebes es einfach, mit anderen Ameisen- Leuten zu reden!) rief er mir hinterher.

Auf dem Flug von Singapur nach Melbourne erfüllte mich so echte Freude, Freude darüber, einen bedeutenden Wissenschaftler kennen gelernt zu haben und natürlich auch Freude darüber, eine Einladung nach Südaustralien zu haben. Ich hatte doch sowieso geplant, Kangaroo- Island zu besuchen…

da konnte ich auf jeden Fall bei Archie und seinem Enkel einmal vorbei schauen!

Echte Australier kennen zulernen, anstatt immer nur in Hotels zu wohnen war sowieso etwas ganz besonderes.

Nun, hätte ich damals schon gewusst, WIE besonders diese Australier waren, wäre mir vielleicht etwas mulmiger gewesen. So aber spürte ich nur reine Freude…

Wegen all dieser Aufregung schlief ich natürlich auf dem Flug so gut wie gar nicht.

Das rächte sich, als ich aus dem Flieger stieg und am Gepäckband wartete. Wir waren in Melbourne gelandet, bei 5 Uhr früh Ortszeit. Der ganze Flughafen machte noch einen verschlafenen Eindruck, außer uns war noch kaum ein anderer Passagier zu sehen.

Übernächtigt und unaufmerksam wie ich war, hob ich meinen schweren Koffer und den großen Rucksack vom Gepäckband, dabei rutschte mir aber die Last aus der Hand.

Der Länge nach riss ich mir dabei die Haut und ein Stück Fingernagel vom Daumen,

was ich in meinem betäubten Zustand aber zuerst nicht bemerkte.

So zog ich eine etwas längere Blutspur hinter mir her, als ich mich zur Zollabfertigung bewegte, ich blutete meine Kleidung, mein Gepäck und mein Einreiseformular voll…

und förmlich blutüberströmt kam ich vor der Zöllnerin an, die ich müde, aber dennoch freudig anlächelte. Ihren entsetzen Blick konnte ich erst nicht ganz verstehen, bis sie panisch ihren Kollegen zurief, dass man hier wohl einen Verband benötigte!

Erst jetzt sah ich einmal an mir herab, sah meine blutige Hand und die Blutspur, die ich hinter mir hergezogen hatte. Oups. Wie war das denn passiert? Und vor allem, was genau war kaputt? Das ließ sich aber leider nicht mehr so genau feststellen, weil meine Hand und mein Daumen mittlerweile aussahen, als wären sie in einen Rasenmäher geraten.

Am Zoll stand mit einem Mal alles still. Die anderen Touristen warfen mir einige übermüdete und leicht verärgerte Blicke zu, als sich fünf Zöllner gleichzeitig auf mich stürzten, mich verarzten und bedauern. So oft hatte ich vorher das Wort „Sorry“ noch nicht gehört…

Immerhin, in einer vielleicht etwas übertrieben langen Zeit zauberten sie mir einen hübschen Verband an die Hand und als ich dann endlich gehen kann, strahlen all meine Helfer über das ganze Gesicht und rufen mir ein „Willkommen in Australien“ nach.

Ja, allerdings. Ich war auf australischem Boden gelandet!