17. Kapitel: Fliegen mit Schildkröten

Zwei Nächte verbrachten wir in der kleinen Stadt Exmouth, nahe am Cape Range National Park und damit dem Ningaloo Reef. Schon im umliegenden Outback fiel uns die große Zahl wilder Emus auf, die hier auf dem offenen Gelände herumlaufen, aber die großen Vögel haben auch keine Scheu, in die Stadt einzudringen und auf den Straßen herumzulaufen.

Am Morgen bin ich wieder einmal die Erste, die aufsteht, und ich nutze die Zeit bis zum Frühstück, um die Stadt etwas zu erkunden. Ich bin einmal mehr auf der Suche nach der Post, um wieder viele, viele Briefe und Postkarten an jedermann loszuwerden. Ich werde auch fündig und treffe dabei auf eine kleine Gruppe Emus, die mitten auf der Strasse nahe dem Postamt ohne irgendeine Scheu aus einer großen Pfütze säuft.

Als sich dann alle zum Frühstück eingefunden und gegessen haben, geht es los, um Schnorchelausrüstung zu besorgen. Ich organisiere mir neben Flossen und Brille auch noch einen Neoprenanzug—auch wenn die anderen lachen, ich habe bereits einen Sonnenbrand und muss nun etwas vorsichtig sein. Das Ziel ist der Cape Range National Park, in der Turquise Bay gibt es ganze 3 Stunden Aufenthalt zum Schnorcheln.

Der feine Sandstrand ist direkt am Rande der Wüste, rote Termitenhügel mischen sich unter blaugrünes Spinifex- Gras. Im Wasser gibt es eine starke Rissströmung, die einen zwar über das Riff trägt, so dass man nicht selbst paddeln muss, aber dafür muss man an einer Sandbank rechtzeitig aussteigen, damit man nicht ins offene Meer gespült wird. Ursache für eine solche Strömung ist ein Loch im Riff, über das bei Ebbe Wasser abfließt, aber bei Flut wird frisches Wasser zurückgetragen.

Vor uns breitete sich nach unserer Ankunft ein herrliches Riff aus, selbst vor dem Strand, an dem wir uns niedergelassen haben, liegen einzelne Korallenblöcke, in denen einige Rotfeuerfische schwimmen. Am eigentlichen Riff, etwas weiter draußen, breite sich die Korallenstöcke auf ein großes Gebiet aus und hier lässt sich die prächtigste Lebensgemeinschaft beobachten, die ich je gesehen habe. Tour Guide John, Zoologe Cole und ich entdecken bei einer unserer Schnorchelrunden einen großen Weissspitzenriffhai, der ruhig, wie schlafend, am Grund liegt, und wir tauchen einige Male unter, um ihn zu fotografieren. Dabei „schleicht“ sich John langsam an den Hai an, will dessen Schwanzspitze fassen, was ihm sogar kurz gelingt. Erschrocken setzt sich der große Fisch in Bewegung, eilt mit einigen schnellen Flossenschlägen davon, empört über die unverschämte Störung.

Wir schwimmen weiter und geraten so in große Schwärme bunter Fische und da ich erst vor ein paar Monaten am Great Barrier Reef war, kann ich fast einen direkten Vergleich ziehen:

Hier auf der Westseite Australiens ist das Riff weitaus unberührter, weniger zerstört, noch ein wahres Paradies!

Die starke Strömung im Wasser macht es möglich, dass man fast ohne Anstrengung über das Riff gleiten kann und sie trägt einen auch relativ zielstrebig auf die Sandbank zu, an der man aussteigen sollte. Ich mache mich daran, aus dem Wasser zu klettern, aber erst jetzt bemerke ich, WIE stark die Strömung eigentlich ist, denn sie reißt mich tatsächlich von den Füßen!

Mit einem lauten Platschen lande ich wieder im Wasser, ich kann mich dann aber doch noch kriechend ans Ufer retten. Ich kehre erst einmal an Land zurück, um Luft zu schnappen und eine kleine Pause zu machen. Das gibt mir Gelegenheit, eine Orange zu essen und meine

leckeren Schokokekse vor der Sonne zu retten—immerhin waren die schon dabei, ebenfalls davonzuschwimmen!

Dann geht plötzlich ein Schrei durch die Gruppe „Seaturtles!!!“, jemand hatte Seeschildkröten gesichtet. Das war das Kommando, das alle ins Wasser stürzen ließ und jeder verschwand in einer anderen Richtung im Meer. Ich bleibe ruhig und sehe mich erst einmal um, was sich auszahlt, da ich in der Nähe tatsächlich eine Schildkröte erspähe. Sofort schwimme ich auf sie zu, langsam, um das Tier nicht zu erschrecken. Aber es zeigt keine Angst und ich kann gemächlich neben ihm her gleiten. Die Schildkröte schwimmt neben mir, langsam, grazil, ohne Hast und ohne Furcht und so tauche ich neben ihr auf, als sie Luft holt, als sie ihren Kopf hoch aus dem Wasser streckt. Dabei ahme ich sie nach, breite meine Arme aus und bewege sie gerade so, als würde ich wie die Schildkröte schwerelos durch das Wasser fliegen.

Was für ein Gefühl, neben einer Meeresschildkröte zu schwimmen, und ich warte regelrecht darauf, dass diese mir ganz wie „Crush“ in „Findet Nemo“ ein „Hey dude!“ zuruft.

Eines meiner letzten australischen Erlebnisse ereignete sich auf der Rückfahrt von Exmouth nach Perth. Mitten in der Wüste stoppte der Tour Guide John, um uns den Aussichtspunkt am White Bluff zu zeigen. Hier hat man einen guten Überblick über die umgebende Landschaft und auch die vielen Wildblumen, die wie ein bunter Teppich auf den steinigen Boden aussehen. Hier gibt es einen großen Steinhaufen, auf den man ebenfalls einen Stein legen kann—und wenn man das tut, darf man sich etwas wünschen.

Und mit einem Stift notiere ich Namen und Datum und folgende Worte:

Australia—
I´ll be back!