16. Kapitel: Wale, Delfine und schwarze Witwen

Am folgenden Tag stand ein Ausflug in den Kalbarry National Park auf dem Programm.

Wir wollten auf einer Wanderung die dortige Schlucht besichtigen, zusammen mit den spektakulären Schleifen des Flusses und bunten Felsformationen wie dem „Natures Window“,

einem natürlichen Fenster im Stein, durch das man eine wunderbare Aussicht hat.

Vor uns breitete sich eine prächtige Sandsteinschlucht aus, geschaffen von einem Fluss, der nach den Monsunregen auf ein vielfaches seiner Größe anschwellen kann. Die verschiedenen Schichten des Sandsteins wechseln hier von einem leuchtenden Gelb über zu viel kräftigen Rot und sind herrlich anzuschauen. Obwohl die Landschaft bereits so perfekt geformt ist, ist das zugrunde liegende Gestein, der Sandstein, noch nicht so alt: Er stammt aus der Endneuzeit, vom Ende des Tertiärs. Die Wüste um die fruchtbare Schlucht und ihren Fluss herum grünt und blüht, kurz vor meiner Ankunft war wieder einmal ein ausgiebiges Regengebiet durch sonst verdorrte Landschaft gezogen und hatte alle Pflanzen zu neuem Leben erweckt. Überall begrüßten und blühende Büsche und viele Wildblumen, wieder erhielt ich das Geschenk, die Wüste von ihrer schönsten Seite kennen zulernen.

Am Ende des Weges in der Schlucht müssen wir etwas klettern, die Felswand hoch, wo es eine kleine Höhle gibt, die wir besichtigen wollen. Dort gibt es viele Spinnennetze, und wir fühlen uns fast in einen alten Film versetzt, wo eine Riesenspinne in einer Höhle auf ihre ahnungslosen Opfer lauert. Aber der Tour Guide ließ sich von unserer Unbehaglichkeit nicht im Geringsten aus der Ruhe bringen, aufgeregt sah er sich um, denn er suchte etwas Bestimmtes!

Und dann hatte er es endlich gefunden, rief die Gruppe zu sich: Vor uns befand sich das Netz einer „Red Back“ – Spinne, einer schwarzen Witwe! Sofort stürmte die ganze Gruppe heran, bildete einen engen Pulk um die arme Spinne, die reichlich unspektakulär in ihrem Netz saß und kaum einen halben Zentimeter groß war. Cole, der Zoologe, und ich suchen uns daraufhin gleich eine Ersatzbeschäftigung, um unsere Enttäuschung wegen des winzigen Gifttieres zu verbergen. So scheuchen wir gleich unter einem Stein einen glänzend- schwarzen Skorpion auf, der ängstlich vor uns davon krabbelte.

Nach dem Besuch der Spinnenhöhle stand uns noch etwas Klettern und eine Flussüberquerung bevor, wir erreichten aber endlich eine fantastische Aussichtsstelle über der Schlucht, die für alle Mühen entschuldigte.

Den Rest des Tages verbrachten wir aber wieder im Bus, zu einer langen Weiterfahrt durch das Outback. Wunderbar kontrastierten die grünen Büsche mit dem dunklen, roten Sand und viele, viele gelbe Blüten bedeckten den Boden. Ein großartiger Anblick.

Das Frühstück am nächsten tag sorgte für große Empörung bei mir, denn Cole traf mit seiner Feststellung, dass australischer Käse nach NICHTS schmecken würde, außer natürlich scheisse, einen Nerv von mir. So etwas konnte ich nicht auf mir sitzen lassen, immerhin hatte ich auf Tasmanien Bekannte aus einer Käsefabrik (wir Tierärzte hatten dort Kühe untersucht) und außerdem hatte ich den wundervollsten Käse probiert, den man sich vorstellen kann.

So fragte ich Cole, ob er denn je den wunderbar cremigen „King Island“ – Käse probiert hatte. Die Antwort, natürlich, war „Nein“. Gefolgt von der Frage: „ Wo ist dieses King Island eigentlich?“

Wie aus der Pistole geschossen antwortete ich, dass es eine kleine Insel vor der Küste Tasmaniens wäre, was mir natürlich wissende Blicke der gesamten Tourgruppe einbrachte.

Tasmanien. Woher auch sonst?

Unser erstes Ziel an diesem Tag ist berühmt für seine neugierigen wilden Delfine, die an den Strand kommen, um mit den Menschen zu spielen: Monkey Mia. Bei unserer Ankunft sind natürlich bereits viele Touristen da und es werden auch noch ein paar mehr. Obwohl die Sicht auf das Wasser bei der Menschenmenge nicht die beste ist, versuche ich trotzdem einige Bilder zu schießen, indem ich um die Menge herumschleiche und auf dem Bootssteg entlang laufe. Im Wasser kann ich sie sehen, die „ Spotted Indiopacific Bottle Nose Dolphins“,

Tümmler, die nur wenige Meter vor den erwartungsvollen Augen der Menschen weg auf und ab schwimmen. Es ist eine Weibchengruppe, bestehend aus 8 Tieren, alles Mütter mit ihren Kälbern, die regelmäßig zu den Menschen an den Strand kommt. Die Jungtiere tollen herum, jagen einander, schwimmen mit dem Bauch nach oben und springen aus dem Wasser, zeigen die tollsten Verrenkungen, worauf sie nicht selten Befall von ihren zahlreichen Zuschauern bekommen. Dann die Fütterung, wohl der Hauptgrund, wieso hier so viele Familien herkamen: unter Aufsicht der Ranger dürfen einige der Kinder die halbzahmen Delfine mit Fisch füttern. Wenn sie dann gesättigt sind, kehren die Tiere erst einmal ins Meer zurück, verlassen die Bucht (Shark Bay) und bleiben auf unbestimmte Zeit dem Strand fern. Manchmal bleiben sie Stunden weg, manchmal aber auch nur Minuten. Kaum sind die Meeressäugetiere verschwunden, da verlaufen sich auch die Zuschauer, alle Leute widmen sich nun dem Angebot im Touristenladen oder im Cafe, statt weiter aufs Meer zu schauen.

Ich bleibe aber wie gebannt stehen und ich habe Glück! Denn nach nur 25 Minuten kommen die Delfine tatsächlich zurück! Und fast kein Mensch hat es bemerkt…

Obwohl es einmal mehr nur ein kühler, bewölkter Tag mit unaufhörlichem Nieselregen ist,

wage ich mich ins Wasser, allein schon wegen des Erlebnisses, einmal einen Delfin zu spüren, der einem um die Beine streicht. Da nur noch wenige Leute vor Ort sind, stelle ich mich zu diesen wenigen ins Wasser, ich stürze mich regelrecht in die kühlen Fluten. Und kaum stehe ich da, da schwimmt eines der Wasserwesen ganz knapp an mir vorbei, berührt fast meine Beine und ich kann die Wärme spüren, die von seiner gummiartigen Haut ausgeht.

Etwas wehmütig war ich dann schon, als wir anschließend zu einem weiteren Naturwunder aufbrachen: Den Stromatolithen. Das sind die ältesten Kolonie bildenden Lebewesen der Erde, Blaualgen, die sich zu großen Klumpen zusammengeschlossen haben, um überleben zu können. Diese Lebewesen haben nur noch an wenigen, geschützten Stellen überlebt, darunter auch an drei Stellen in Australien und eine dieser Stellen würden wir besuchen.

Ohne einen Sinn für Wunder und das gewaltige Alter, das hinter den wenig attraktiven grau-schwarzen Kalkbrocken steht, die in großer Zahl aus dem seichten Wasser ragen, wissen die wenigsten Leute diese Sehenswürdigkeit zu schätzen. Der Zoologe Cole und ich aber blieben stehen, um zahlreiche Bilder zu machen und uns über die enorme Bedeutung zu unterhalten, die diese Algen einmal für das Ökosystem des Meeres und der gesamten Welt gespielt haben.

Aber wie schon Bill Bryson in seinem bekannten Australienbuch beschreibt—

wir sind mit unserem Staunen alleine. Die meisten Touristen wenden sich schon nach einem Blick ab und die Mädels aus unserer Gruppe schimpfen: „ Was soll denn das sein? Sehr prickelnd ist das hier jetzt ja nicht. Hat nicht John gesagt, dass er das Mittagessen vorbereitet?

Komm, wir gehen zurück zum Bus, es ist ja arschkalt…“

Cole und ich sehen ihnen nach und kaum sind sie hinter einer Düne verschwunden, ist es an dem Zoologen, zu schimpfen: „ Blöde Hühner. Das hier sind die ältesten Kolonie bildenden Lebewesen der Erde, die ersten Pflanzen, die ersten Produzenten von dem Sauerstoff, den wir jetzt atmen! Und die haben nicht den geringsten Respekt vor so etwas Wunderbarem!“

Der junge Mann war von den jungen Damen der Gruppe insgesamt nicht mehr sehr begeistert,

denn seit ein Mädel ihn fragte, was er wohl studiere und ob er ihr erklären könne, was denn wohl ein „Riff“ sei. Das hätte sie nie verstanden.

So lassen er und ich uns Zeit, um zum Bus zurückzulaufen, auch wenn das bedeutet, dass wir nur das Restefest am Mittagstisch abbekommen. Uns macht das kaum noch etwas aus, haben wir doch an diesem Tag die Wesen gesehen, die unseren Planeten erst zu dem lebenswerten Ort gemacht haben den wir heute bewohnen.

Auf der Fahrt weiter gen Norden wird die Landschaft immer trockener und kärglicher. Die Bäume werden immer kleiner, weichen später Büschen, die nach und nach in Gras übergehen, das sich teilweise schwer tut, den roten, braunen und gelben Boden zu bedecken. Immer wieder treffen wir auch auf eine regelrechte Explosion von Farben, wenn blühende Blumen eine ganze Hügelflanke lila färben. Die Landschaft geht langsam in sanfte Hügelwellen über, die immer wieder durch trockene Flussbetten durchbrochen ist, zusammen mit den typischen Windrädern, die überall für die Wasserpumpen auf den Feldern stehen—hier findet sich ein echtes Bild vom Outback, so wie man es kennt und es sich vorstellt.

Die Nacht verbringen wir auf einer Schaf- Station, einer riesigen Farm inmitten des Outbacks, in einer baumlosen Steppe, in der es nur Steine, Gras und wenige Büsche gibt. Nur mannshohe, feuerrote Termitenhügel ragen aus der Ebene heraus, geben Deckung für viele Kängurus, die mit ihrer Färbung wunderbar getarnt sind. Es wird ein herrlich romantischer Abend am Lagerfeuer und, ganz so wie es der Codex scheinbar will, holt John sein Didgeridoo aus dem Bus, bläst grinsend einige Takte hinein. Dann reicht er es herum, wohl, um wieder einmal den Sound einer Elefantenherde mit Verstopfung zu hören!

Nur, kaum habe ich das Instrument in der Hand, juckt es in meinen Fingern, mein in Tasmanien erworbenes Können auch unter Beweis zu stellen—unter den staunenden Augen Johns und der ganzen Gruppe präsentiere ich die Sounds des Outbacks.

„ Hast du das schon mal gespielt?“ fragte John nach meiner Darbietung entgeistert.

Ich grinse ihn frech an: „ Ja, und ich habe unten in Tasmanien Stunden gehabt. Nur das mit der zirkulären Atmung habe ich noch nicht so gut raus.“

John nickt wissend: „ Ja, das ist auch schwer…“

Später am Abend besuchen uns auch noch der Farmer und einer seiner Arbeiter in unserem Camp. Bei einem Bier am Lagerfeuer erzählen sie uns von der Farmarbeit, dem Schafscheren und den Marktpreisen für Fleisch und Wolle (die Preise für Schafwolle sind bereits so niedrig, dass die Bauern beim Scheren draufzahlen müssen). Und sie haben einen kleinen Erfolg zu vermelden, mit ihren neuen Touristenbungalows am anderen Ende ihres riesigen Geländes haben sie bereits gutes Geld verdient. Um nach diesem Gespräch vom Ernst des Lebens wieder etwas abzulenken führen die beiden schließlich am Feuer vor uns als staunendem Publikum noch einige kleine Zaubertricks vor, die uns alle in großen Applaus ausbrechen lassen.

Ein wunderschöner Abend. Ich liebe es, am Feuer zu sitzen, den Grillen in den Büschen um uns herum zu lauschen und das Rauschen des Windes über dem Gras zu hören. Das einzig Unangenehme hier war auch nur der Wind, der ständig und unablässig vom Meer, das wenige Kilometer entfernt war, herüberwehte.

Am nächsten Tag scheuchte mich ein dringendes Bedürfnis einmal mehr viel zu früh aus dem Bett. Draußen waren neben mir auch schon die Vögel aufgewacht und nachdem ich auf dem Klo war, setzte ich mich einfach nur noch einmal für einige Zeit still ins Gras…

Ich genieße die Geräusche des Outbacks am Morgen, das Vogelkonzert, das Blasen des Windes, ich sauge die frische Wüstenluft ein und erlebe einen einzigartigen Sonnenaufgang über der endlosen Grassteppe.

Zum Frühstück erhalten wir dann Besuch von einigen Farmpferden, die wissen, wie sie aus ihrer Koppel entkommen können und natürlich auch, wo man am besten die Touristen belästigen kann. Auf der Suche nach Leckereien und weichherzige Leute, die auf bettelnde, traurige Pferdeaugen hereinfallen, kamen sie zu uns. Was für eine Aufregung, als plötzlich drei Pferde neben unserem Frühstückstisch auftauchten!

Nur noch eine kurze Fahrt trennte uns von unserem Ziel, dann waren wir endlich da:

Coral Bay, am Ningaloo Reef!
Meine persönliche Planung sah ja vor, eine dreistündige Geländetour mit einem Quadbike mitzumachen, wo man bei einer kurzen Pause auch vom Strand aus Schnorcheln konnte.

Als mir Cole aber im Buchungsbüro mitteilte, dass es im Moment hier WALE gab,

lief mir ein regelrechter elektrischer Schauer über den Rücken. Wale!

Aus einer Spontanentscheidung heraus wähle ich statt meiner Geländefahrt die 5- stündige Bootstour, was Cole überglücklich macht, da durch mich drei Leute der Gruppe mitfahren, was es viel billiger macht. Das Programm für diese Bootsfahrt sah einiges vor:

Schnorcheln am Riff, Besuch bei den Seeschildkröten und natürlich Wale.

So wage ich mich trotz meiner Seekrankheit an Bord, denn bisher hatte ich in Australien die Wale ja immer verpasst. Zwar gab es hier nicht die seltenen Glattwale, aber auch die Aussicht, stattdessen die akrobatischen und aktiven Buckelwale zu sehen, war ihr Geld wert.

Die ersten zwei Stunden der Bootsfahrt verbringt der Skipper damit, zusammen mit einem Sichtungsflugzeug hinter einem großen Mantarochen herzujagen, mit dem wir schnorcheln sollen. Leider schwimmt uns der große Fisch immer wieder davon und ich kann ihn vom Sonnendeck aus als riesigen, dunklen Schatten im Wasser vor uns erkennen. Doch leider habe ich an diesem Tag nicht die Ehre, mit ihm zu schwimmen, denn der Manta hat offensichtlich keine Lust, als Touristenattraktion herzuhalten.

Trotz Sonnenschein sind die Bedingungen fürs Schnorcheln an diesem Tag nicht perfekt,

denn es weht ein frischer Wind, der die Bootsfahrt rau und recht kühl macht. So werden wir ziemlich durchgeschüttelt, als wir uns als nächstes auf die Suche nach den Buckelwalen machen. Und diesmal haben wir Glück!

Endlich habe ich die Gelegenheit, australische Wale zu sehen. Es sind sogar gleich vier der großen Meerestiere, die vor uns auftauchen, darunter auch eine Mutter mit ihrem Kalb.

Die gewaltigen Tiere schwimmen direkt neben unserem Boot und wir sehen von ganz nah, wie sie mit ihren schwarz-weißen Schwanzflossen und ihren langen Brustflossen aufs Wasser schlagen. Sie drehen sich im Wasser, zeigen ihre Bäuche und springen sogar nahe dem Boot aus dem Wasser, wonach sie mit einer solchen Wucht wieder ins Wasser klatschen, dass wir als Zuschauer nass werden. Nicht umsonst sind Buckelwale als Akrobaten bekannt.

Am Rande des Riffs, dort wo sich der Ozean an den Korallenwänden bricht, sind die Futtergründe der Seeschildkröten. Langsam und vorsichtig fahren wir dort entlang—

und wir bekommen nicht eine Schildkröte zu Gesicht. Nein, es sind Dutzende, die da in aller Seelenruhe herumpaddeln, sich träge und dösend sonnen und gemächlich, teilweise mit dem Kopf über Wasser, durchs Wasser ziehen.

Nach diesen fantastischen Eindrücken wage ich mich trotz der kühlen Temperaturen zum Schnorcheln ins Wasser. Mittlerweile hatte ich meine unbegründete Angst vor dem nassen Element völlig abgelegt, denn immerhin hatte ich in Tasmanien erste Taucherfahrungen gesammelt. Damals war es Winter auf Tasmanien gewesen, was kalte Temperaturen und auch Schnee in höheren Lagen bedeutete. Nur wenige Tauchschulen hatten überhaupt geöffnet, darunter auch eine kleine in der Hauptstadt Hobart. Nach der Einführung in die Theorie sollte ich auch das echte Unterwasserfeeling bekommen, doch an den meisten Tagen war es einfach zu stürmisch, um ins Meer zu gehen. Schließlich klappte es doch, an einer ruhigen Stelle

namens „Tinder Box“, einem Unterwasserreservat nahe Hobart und gegenüber der Küste von Bruny Island. Ein herrlicher Tag war angebrochen, Sonnenschein, ruhiges Wasser, kein Wind,

lauschige 12 Grad Lufttemperatur und erfrischende 9 Grad im Meer. Für mich war es als erstes ein echter Kampf, in den steifen, 1cm dicken Neoprenanzug zu klettern, in dem man sich kaum bewegen kann und sich fühlt wie ein gepanzerter Roboter. Schon nach wenigen Minuten mit dem Anzug in der Sonne führten bei mir zu Hitze bedingten Schweißausbrüchen, die durch das mühsame Anlegen der schweren Ausrüstung wie Bleigurt und Luftflaschen noch verstärkt wurden. Nie zuvor hatte ich in meinem Leben so viel Kram mit mir herumgeschleppt, es kam mir vor, als würde ich mein eigenes Körpergewicht tragen!

Ich war froh, endlich mit meiner Tauchlehrerin ins Wasser zu steigen, das das Gewicht für mich trug und angenehme Kühle versprach. Doch kaum war ich im Wasser, tauchte das nächste Problem auf: Ich hatte bei all den Erklärungen meiner Lehrerin nicht verstanden, was genau ein NASStauchanzug war und wie er funktionierte. Die Grundlagen über den Druckausgleich in den Ohren und die Tarierung im Wasser stellten Verständnis mäßig kein

Problem dar, aber was war mit diesem Anzug? Kaum stieg ich ins Wasser, wurde ich NASS!

Panik erfüllte mich, als das 9 Grad kühle Wasser meine Füße umspülte und ich rief der Tauchlehrerin zu: „ Ich werde nass!“

Die sah mich aber nur verwirrt an und antwortete: „ Keine Angst, das wird gleich warm!“

Warm? Wie sollte es warm werden…

Um mich nicht als Weichei zu outen lief ich meiner Lehrerin dann doch hinterher und siehe da, es wurde mir tatsächlich warm. Mit diesem Erlebnis lernte ich auf sehr eindrucksvolle und praktische Art, wie Neopren eigentlich funktioniert. Dieses Material für Taucheranzüge erlangt seine Isolationswirkung nicht durch einen warmen Luftfilm, der sich auf die Haut legt, sondern durch eine dünne Schicht Wasser, die den gesamten Anzug ausfüllt. Das ist auch der Grund, weswegen die Anzüge so eng sitzen müssen—je dünner der Wasserfilm auf der Haut, desto weniger Wasserbewegung und bessere Erwärmung und dadurch bessere Isolation. Das eindringende Wasser erwärmt sich durch die Körperwärme rasch und bald steckt man in einem lauschigen Kokon. Leider kann man sich als absoluter Anfänger in so einem Tauchanzug auch sehr schwer bewegen—allein das Anlegen meiner Schwimmflossen und der Tauchermaske entwickelte sich zu einem echten Drama, bei dem ich ohne meine Tauchlehrerin aufgeschmissen gewesen wäre. Zum Glück hatte ich mit den anderen Dingen, wie dem Tarieren mit der Tarierweste und dem Atmen aus dem Lungenautomaten keinerlei Probleme. Erst als es daran ging, endlich tiefer zu gehen, also wirklich zu Tauchen, wurde es kritisch. Denn ich kam einfach nicht runter! Obwohl die Lehrerin mich mit allem Blei belud, das noch irgendwie greifbar war und mir sogar noch Steine ins die Tauchweste steckte, ich

hing trotzdem ständig an der Oberfläche wie ein Korken. Schließlich packte sie mich einfach

und zog mich in die Tiefe. Der Tauchplatz war nicht sehr tief, ein seichtes Riff mit gerade einmal sieben Metern Tiefe. Auf Steinen und im Seegras leben dutzende von bunten Seesternen, Seegurken, Jakobsmuscheln, Abolone und Seeigel. Einige Kugelfische verirrten sich zu uns und ein großer Papageifisch präsentierte sich in seiner Pracht. Der Hauptgrund aber, um hierher zum Tauchen zu kommen, zeigte sich uns nicht. Im Seegras leben nämlich normalerweise viele Seepferdchen, die ich besonders gerne mag und gerne in ihrer natürlichen

Umgebung gesehen hätte. Leider schienen diese kleinen, interessant geformten Fische aber gerade nicht anwesend zu sein—außer einem einzigen, das nur sein Näschen aus dem Seegras herausstreckte und sich sonst versteckt hielt. Bei all diesen Beobachtungen war ich ständig panisch darauf bedacht, nicht wieder wie ein Ballon an die Oberfläche zu steigen. Aus diesem Grund klammerte ich mich am Boden an Steinen fest, was meine Tauchlehrerin dann dazu veranlasste, mich dort sitzen zu lassen und mir einiges aus der Meereswelt ins Sichtfeld zu tragen. Seesterne, Muscheln und große (und sicher sehr leckere) Abolone legte sie vor mir ab

und ich begutachtete sie staunend. Leider durften wir keines der Tiere als Andenken oder Abendessen mitnehmen—immerhin tauchten wir in einem Naturschutzgebiet. Als wir dann wieder an die Oberfläche stiegen, erklärte mir die Lehrerin, dass sie es sehr bedauere, dass sie mir nicht mehr Seepferdchen zeigen konnte. Normalerweise wären diese ja immer da…

naja, mich hatte nur einmal mehr mein Pech verfolgt.

Dennoch war dies ein spannender und lehrreicher Tag für mich gewesen. Jetzt wusste ich endlich, was der Unterschied zwischen einem Nass- und einem Trockentauchanzug war

und mir war klar, dass beim Tauchen das offensichtliche Problem nicht war, am Meeresgrund ohne Wiederkehr zu stranden, sondern überhaupt erst einmal runterzukommen.

Eine ganze Stunde hatte mich die Tauchlehrerin im Wasser beschäftigt und ich bemerkte auch nach meiner Rückkehr ans Ufer nicht, wie sehr ausgekühlt ich war. Erst nach einer halben Stunde, nachdem ich längst meine warmen Klamotten wieder trug und im Auto saß, fing ich unkontrolliert das Schlottern an. So gönnte ich mir zurück in Hobart erst einmal ein heißes Mittagessen und einen heißen Tee.

Nach solchen Erlebnissen im tasmanischen Winter konnten mich die Gewässer des tropischen Ningaloo Riffes natürlich nicht mehr schrecken. Obwohl das Wasser mit nur 20 Grad recht kühl ist, wage ich mich sogar ohne Tauchanzug hinein. Es gibt zwar eine gewisse Strömung neben dem Boot, aber wider Erwarten komme ich recht gut damit zurecht. Bald habe ich mich auch ganz an die Wassertemperatur gewöhnt und konzentriere mich ganz darauf, die bunten Fische und Korallen unter mir zu bewundern.
Als ich dann 40 Minuten später wieder an Bord klettere, ziehe ich mich gleich aufs Sonnendeck zurück, um mich aufzuwärmen. Das rächt sich, denn trotz Sonnenschutzcreme Faktor 30 bin ich am Abend ziemlich aufgebrannt.

Aber dieser Sonnenbrand kann mir nicht die Freude an diesem Naturparadies verderben—

in der Ferne ziehen an unserem Boot Delfine vorbei und unter Wasser bin ich erstaunt,

wie viel unberührter und unzerstörter dieses Riff im Gegensatz zum Great Barrier Reef noch ist.