15. Kapitel: Treibsand
Meine letzte Tour in Australien sollte mich durch Westaustralien führen, von Perth nach Exmouth im Norden und zurück. Dabei wollte ich vor allem das Korallenriff im Westen des Kontinents kennen lernen, das „Ningaloo Reef“, das angeblich noch schöner ist als das viel größere Great Barrier Reef im Osten.
Die Tourgruppe bestand diesmal aus 4 Irinnen, 2 Japanerinnen, einem Belgier und einem jungen Zoologen, Cole, der halb Engländer und halb Österreicher war. Letzterer freundete sich schnell mit mir an und wir steckten fast immer unsere Köpfe zusammen.
Gleich zu Anfang der Tour erlebten wir dann auch schon das erste Abenteuer, wenn auch völlig unfreiwillig. Am Straßenrand stoßen wir eigentlich nur auf einen harmlosen Tannenzapfenskink, den uns unser Guide natürlich zeigen muss. Er hält mit unserem Bus neben dem Tier am Straßenrand an, um uns allen die Echse und deren Drohgebärde, das Herausstrecken der blauen Zunge, zu präsentieren. Dabei ist der Guide dermaßen in seine
Demonstration versunken, dass er leider viel zu spät bemerkt, was für einen Fehler er begangen hat! Denn leider, leider hat er den Bus an einer Stelle abgestellt, an der die Erde des Straßenrandes noch nicht kompaktiert ist. Diesmal war das Tourfahrzeug kein Geländewagen,
und als wir losfahren wollen, graben sich unsere Reifen in den Sand. Das heißt für alle, aussteigen und schieben! Das machen wir ganze drei Mal, aber dadurch wird unsere Lage nur noch schlimmer, denn bald steht der Bus so schief und hat sich derartig vergraben, dass er umzustürzen droht!
Nun versuchten der Guide und die zwei anwesenden Jungs, die Reifen auszugraben, während wir Mädels den Busch nach Ästen und Zweigen absuche, die wir unter die Reifen schieben können. Doch bald ist eines klar—Nichts geht mehr!
Hilfsbereit wie die Australier sind, halten viele Autos an und die Leute fragen uns, ob sie uns helfen können. Aber natürlich kann kein PKW einen Kleinbus aus dem Dreck ziehen.
Immerhin erhalten wir so eine ganze Litanei an schlauen Sprüchen, die unseren armen Tourguide, John, der am verzweifeln ist, aber weder aufheitern noch wesentlich weiter bringen. Hier hegte ich dann auch den etwas fiesen Verdacht, dass hinter der Fassade der uneingeschränkten Hilfsbereitschaft der Aussies vielleicht auch doch nur Schadenfreude steht…
Die Erlösung für unseren Bus nahte schließlich in Form von Johns Chef und dessen riesigen, geländetauglichen Trucks. Unter viel Gefluche zog er unseren Kleinbus aus dem Treibsand—
und sorgte bei uns für gute Unterhaltung, auch wenn die Sache für den armen Guide wohl eher zum Heulen war.
Zur Ablenkung steuerten wir gleich darauf das erste Naturwunder der Tour an, die „Pinnacle Dessert“. Eine Sandwüste, aus der viele graue Kalksteinsäulen aus dem gelben Sand herausragen. Denn vor langer Zeit standen hier einmal Bäume, die an ihren Wurzeln Kalk abschieden. Nach dem Tod der Bäume und dem Abtragen der umliegenden Erde durch Wind und Wasser, blieben nur die gebildeten Kalksäulen zurück, als Zeugen eines einstigen Waldes in der Wüste.
Den Abend versüßen wir uns mit noch etwas Sandboarding in den Sandminen nahe Kalbarry,
wo wir alle noch einmal eine Ladung Dreck fressen, bevor wir in Kalbarry in die Herberge einfallen.