14. Kapitel: Das Rattennest

Wieder war ich in Westaustralien gelandet. Bevor ich in wenigen Wochen den Kontinent ganz verlassen musste, wollte ich aber noch einen Teil der Westküste kennen lernen und plante zuerst, die kleine Insel Rottnest nahe der Hauptstadt Perth zu besuchen. Doch leider gab es am Flughafen von Perth gleich zu Anfang ein kleines Intermezzo mit dem Zoll. Einmal mehr geriet ich in eine Drogenkontrolle! Ich hatte ja schon Erfahrung damit, in Alice Springs musste ich sogar meine schweren Wanderstiefel ausziehen und durchsuchen lassen, weil der Metalldetektor nicht aufhörte, anzuschlagen. In Adelaide hatte man mich und mein Gepäck auf Sprengstoff untersucht und nun in Perth sah ich wohl wie ein Drogendealer aus.

Das musste mein australischer Buschhut sein, der mittlerweile schon recht zerkratzt von meinen ganzen Expeditionen war und der auch den Staub und Schmutz des Outbacks abbekommen hatte. Ich konnte mich aber nicht von diesem Hut trennen, zusammen mit meiner Kamera war er ein vitales Körperteil von mir geworden! Doch dass man mich harmloses, unschuldiges Mädchen für einen Drogen schmuggelnden Terroristen hielt—

ist das zu glauben?

Den nächsten Schock erhielt ich an der Rezeption der Jugendherberge. Dort hatte man meine Reservierung verlegt, ich hatte aber Glück, da noch ein Bett frei war. Der arme Kerl an der Rezeption ist dementsprechend freundlich und entschuldigt sich vielmals.

Ich lache aber nur: „ Kein Problem, so was bin ich mittlerweile schon gewohnt. Ich war einige Monate in Tasmanien arbeiten und die Tasmanen sind ja erst recht nicht organisiert. Was denkst du, wie oft die mich in den Jugendherbergen versetzt haben?“

Auf diese Antwort hin muss der Mann an der Theke lachen: „ Na, da kann ich ja nur versuchen, es dir jetzt so angenehm wie möglich zu machen. Ich kann nicht riskieren, mit einem Tasmanen gleichgestellt zu werden! Das ist ein Spruch, das mit den Tassies, das muss man sich merken!“

Na, gut, wenn der Mann auch mal was zu Lachen bekommt…

Gegenüber der Herberge gab es ein kleines esoterisches Lokal, eine Hare Krischna- Kneipe.

Für nur 2$ konnte man sich dort ein vegetarisches Curry holen—die Gebetsstunden und Meditationskurse waren umsonst. So kam ich am ersten Abend relativ billig zu einigen Vitaminen.

Die Überfahrt nach Rottnest Island mit der Fähre aus verlief sehr ruhig, es herrschte kaum Wellengang und wider Erwarten gab es das herrlichste Sonnenwetter. Meine Regenwolke hatte ich wohl abgehängt! Im Hafen von Freemantle, dem letzten Halt vor Rottnest, trafen wir sogar auf eine Schule Delfine, die hier heimisch war, was mich als Tierliebhaber besonders freute.

Rottnest Island ist eine kleine Insel vor dem Großstadtkomplex Perth- Freemantle.

Sie wurde von niederländischen Seefahrern nach ihrer Entdeckung so genannt, da die Seeleute, als sie vorbeisegelten, an Land viele, viele kleine Tiere mit langem Schwanz sahen, die sie für Ratten hielten. Rottnest bedeutet somit nichts anderes als „Rattennest“.

Auf der Insel lebt die größte und stabilste Kolonie der vom Aussterben bedrohten Quokkas, der kleinsten Art der Kängurus und Wallabies. Auf dem Festland sind sie fast ausgelöscht—

allein wegen der Einschleppung von europäischen Füchsen und Katzen, die die kleinen Tiere erbarmungslos dezimieren. Nur auf Rottnest gibt es keine Katzen und Füchse, ein letztes Rückzugsgebiet für die seltenen Tiere. Diese waren auch der Grund, weswegen ich auf die Insel kam, und um dort herumzukommen, hatte ich ein Fahrrad gemietet, mit dem ich eifrig jeden Winkel erkundete.

Mein Basislager schlug ich in der Jugendherberge der Insel auf, die sich in den Gebäuden der ehemaligen Kingstown Barracks befindet. Im zweiten Weltkrieg war das eine Kaserne für das WEIBLICHE Armeekorps, für die Artillerie. Und noch immer stehen die gewaltigen Geschütze dieser Inselfestung in den Hügeln, dominieren die Aussicht. Diese Kanonen haben den Hafen von Freemantle und die Hauptstadt von Westaustralien, Perth, gegen japanische U-Bootangriffe verteidigt, zusammen mit ihrer vorwiegend weiblichen Besatzung.

Besonders lobenswert fiel mir sofort das Essen in der Herberge auf, zum einen, weil die Dame an der Essensausgabe über alle Maßen freundlich war und zum anderen, weil sowohl das Frühstücksbuffet als auch das Abendessen reichhaltig, gesund und sehr lecker waren. Mit endlich einmal ansprechend großen Portionen für Leute, die den ganzen Tag Fahrrad fuhren…

Und, man hatte auf jeden Fall tierische Gesellschaft beim Essen. Überall hingen Schilder an den Türen, dass man aufpassen sollte, dass die frechen Quokkas nicht in die Speisesäle eindrangen. Die flinken Tiere schafften es aber trotz allem, hereinzukommen und sprangen dann eifrig zwischen den Tischen herum, stets ein waches Auge darauf, ob jemand etwas fallen lies.

Auf meiner ersten fünfstündigen Radtour um die erste Hälfte der Insel, mit Zwischenstopp auf dem höchsten Hügel in der Mitte, traf ich dann noch mehr dieser munteren, kleinen Tiere.

Doch waren die „wilden“ Quokkas, die im Busch der Insel hausten, weitaus scheuer als die frechen „zivilisierten“, die auf dem Gelände der Jugendherberge lebten. Dennoch saßen sie allzu oft völlig respektlos auf der Mitte der Straße und teilweise musste ich in den Ansiedlungen um sie HERUMfahren, da sie mir nicht auswichen. Das hat aus mir einen aufmerksamen Radfahrer gemacht, so erkenne ich auch den Tannenzapfenskink, der gaaaanz langsam die Straße überquert und dabei Stopps für ein Sonnenbad einlegte. Ein putziger, kleiner Geselle, der Schwanz ebenso dick und kurz wie der Kopf, um Feinde zu verwirren.

Sofort stieg ich vom Rad, um einige Aufnahmen von ihm zu machen.

In der Mitte der Insel befindet sich auf dem „Oliver Hill“ die größte der Kanonen aus dem

2. Weltkrieg. Hier ist auch ein kleinen Museum zur Geschichte der Insel und ein Führer erklärt einem sogar die Funktionsweise des Geschützes—eine interessante Sache.

Insgesamt bin ich begeistert von dieser kleinen Insel. Man kann hier endlos radeln, weg von den ganzen Touristen, die sich bald verlaufen. Und wenn man weit genug radelt, kann man sich seine eigene, einsame Bucht suchen, wo man faul im warmen Sand in der Sonne liegen kann um aufs Meer zu schauen…

So habe ich meinen eigenen, kleinen Strand für mich alleine, bedaure es aber, dass es zum Schnorcheln noch etwas kühl ist, denn das Riff vor der Insel sieht sehr einladend aus! Zudem erkenne ich im seichten Wasser sogar einige Stachelrochen, die gemächlich auf dem hellen Sandboden entlang gleiten. Wie gerne hätte ich sie von Nahem gesehen!

Den Abend widme ich ganz der Beobachtung der Quokkas auf dem Kasernenhof—

viele Mütter sind dabei, die ihre Joeys, so nennt man die Jungen bei Beuteltieren, hegen und pflegen. Teilweise quetschen sich Junge in den Beutel der Mutter, die fast so groß sind wie das Elterntier und ich muss mich wundern, wie so etwas technisch möglich ist.

Danach falle ich erschöpft im Gemeinschaftsraum vor den Fernseher—und treffe noch einige andere Deutsche, mit denen ich mich austauschen kann. Einen gründlichen Sonnenbrand hatte ich mir an diesem Tag geholt, bei meiner langen Radtour. Denn ich hatte ja nicht mit schönem Wetter gerechnet, wegen der Regenwolke, die mich ja sonst überall hin zu verfolgen schien.

So hatte ich nach Rottnest Island auch keine Sonnencreme mitgenommen—

ein Fehler, bei meiner hellen Haut und dem strahlenden Sonnenschein!

Am nächsten Morgen bringe ich ein gemütliches Frühstück hinter mich und ein nettes Gespräch mit der Küchenchefin der Herberge bringt mir sogar etwas kostenlose Tagesverpflegung ein. Der Rat, den mir mein tasmanischer Chef gegeben hatte, nämlich immer freundlich zu allen Australiern zu sein und mit ihnen zu reden, zahlte sich ein weiteres Mal aus.

Dann radle ich wieder los, in eine einsame Bucht, wo ich mich fast eine ganze Stunde aufhalte. Meeresrauschen, die Wellen laufen über den Strand und donnern in der Nähe gegen die Kalksteinfelsen eines Kliffs… klares, blaues Wasser, in dem Enten, Möwen und Seeschwalben herumtoben und in der Ferne kann ich sogar einen Fischadler, einen „Osprey“ sehen, der direkt vor meinen Augen sogar einen Fisch fängt.

Als ich zur Herberge zurückradle, treffe ich unterwegs einen Deutschen, der sich reichlich ungeschickt im dichten Gebüsch an eines der Quokkas heranpirscht. Ja, ich bemerkte sofort, dass er ein Deutscher war, allein das fehlende „Th“ und die mit „also“ gewürzten Redepausen gaben den entscheidenden Hinweis. So antworte ich ihm auf Deutsch, was die Unterhaltung vereinfacht, und ich geben im einige Tipps, wo er mit weniger Aufwand die seltenen Quokkas sehen kann und welche Sehenswürdigkeiten sich auf der Insel sonst noch lohnen:

Die einsamen Buchten, die Kanonen, der Leuchtturm—

obwohl es eine nur kleine Insel ist, gibt es dort doch einiges zu entdecken!