12. Kapitel: Der Prinz von Adelaide
Nach dem Ende meiner Arbeit auf der Insel Tasmanien kehrte ich auf den Kontinent zurück,
um meine Rundreise fortzusetzen. Zuerst wollte ich aber Archie, den Ameisenforscher, den ich damals in Singapur am Flughafen getroffen hatte, in Adelaide besuchen. Er versprach, mich am Flughafen abzuholen. Mein Flugzeug kam 10 Minuten zu früh, und so habe ich Zeit, ganz langsam und gemächlich in die Ankunftshalle zu gehen um dort auf Archie zu warten.
Leider treffen wir uns nicht, was mich dazu verleitet, einen Posten vor der Halle einzunehmen. Sorge erfüllt mich—haben wir uns irgendwie verpasst? Hat er meine Ankunftszeit falsch verstanden? Von Tasmanien nach Südaustralien (Adelaide ist die Hauptstadt Südaustraliens) bestehen 30 Minuten Zeitverschiebung, das konnte aber nicht der Grund sein, warum ich Archie nicht traf! Zum Glück gehe ich nach einiger Zeit doch noch einmal nach drinnen, und treffe den alten Mann an, ebenso sorgenvoll, wie ich gewesen war. Wir mussten tatsächlich aneinander vorbei gelaufen sein!
Nach einer erleichterten und sehr netten Begrüßung machen wir uns sofort auf zum South Australian Museum, in dem Archie in der Ameisenabteilung arbeitet. Bei der Autofahrt ins Zentrum erklärt mir Archie, wieso Adelaide seinen charakteristischen Grundriss besitzt:
Adelaide war als quadratische Stadt geplant. Um diesen quadratischen Stadtkern herum wurde ein breiter Grünstreifen angelegt—und zwar aus Gründen der Verteidigung. Falls die Stadt einmal angegriffen werden sollte, war sie über das freie Schussfeld, das sie umgab, leichter zu verteidigen. Im Ameisenlabor des Museums arbeiten im Moment nur zwei Damen, die eifrig dabei sind, gefangene Insekten unter der Stereolupe zu bestimmen und zu zeichnen. Archie stellt sie mir gleich vor, als die „Ameisenfrau aus Deutschland, die mit Roten Waldameisen gearbeitet hat“. Begeisterte Begrüßung auf diesen Titel hin, von dem ich mal wieder nicht weiß, ob ich mich dessen geehrt fühlen soll oder nicht. Mein tasmanischer Chef hätte mich bestimmt ausgelacht, hätte er gehört, dass ich in Adelaide eine „Ameisenfrau“ war!
Doch ich habe kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn Archie packt mich schon wieder am Arm und führt mich hinaus, zu den Räumen, in denen die Ameisensammlung des South Australian Museums untergebracht ist. Es sind dunkle Räume, für die Archie erst einmal die Lichtschalter suchen muss. Zusammen mit der muffigen Luft, der man die fehlenden Fenster anmerkt, könnte man sich fast in einen der Museumsthriller von Douglas Preston und Lincoln Child versetzt fühlen! In langen Reihen von Schränken sind Tausende von Ameisenarten in Schubfächern gelagert, wo sie fein säuberlich aufgespießt sind. Natürlich zeigt mir Archie seine wichtigsten Entdeckungen, der alte Mann freut sich wie ein kleines Kind, als er die einzelnen Schubladen aufzieht und seine kleinen, chitinbesetzten Schätze präsentiert.
Und da ich mich von seiner Begeisterung anstecken lasse, verkündet er mir auch die Überraschung für den folgenden Tag: Ich darf mit ihm und einem Kollegen aufbrechen, um im Busch nach Ameisen zu suchen.
Daraufhin lädt er mich im Museumscafe zum Mittagessen ein, immerhin ist es noch über eine Stunde Wartezeit, bis sein Enkel James kommen würde, um mich abzuholen. Solange ich in Adelaide weilte, sollte ich in der Bude von James wohnen und so stellte ich mich auf lange Nächte im Partyraum eines Studentenwohnheims ein. Aufgeregt wie ich war, aß ich nur einen Salat, wartete gespannt auf James´ Ankunft. Der Enkel von Archie präsentierte sich mir als der typische Student, fast aus einem Schnittmusterbogen entsprungen. Er entsprach einfach allen gemeinhin gültigen Vorstellungen, die man von einem Studenten hat:
groß, schlank, mit Brille und einem intelligenten Gesicht, dazu ein alter, rostiger Kleinwagen,
in den zuerst einmal alle meine Besitztümer geladen werden. Anschließend zeigt er mir die Uni, die direkt neben dem Museum steht. Wir hetzten durch das Gebäude, denn James muss mir als erstes seine ganzen Lieblingsorte zeigen, womit der alle meine Vorurteile gegen ihn als Musterstudenten nur noch bestätigt: Er zeigt mir seinen Lieblingsplatz in der alten Bibliothek der Uni mit ihrem großen, hellen Leseraum und im Kunstmuseum führt er mir seine Lieblingsgemälde vor, vor denen er sich zu entspannen pflegt. Danach folgt eine Einladung ins Studentencafe, in dem er wohl jeden einzelnen Studenten zu kennen scheint. Zumindest plaudert er mit JEDEM, und ich werde natürlich der gesamten intellektuellen Gemeinde der Stadt vorgestellt. Aber James hat nach dieser kleinen Exkursion noch immer keine Ruhe, er muss mir in der Innenstadt noch unbedingt China Town zeigen, das ja etwas ganz besonderes sei. Leider kann ich das nicht so wirklich beurteilen, da ich mich bisher gescheut hatte, die Chinesenviertel der anderen australischen Städte zu besuchen. Wie erwartet gibt es in China Town alle möglichen Lebensmittel, Gebrauchsgegenstände und Naturmedizin zu kaufen und zielstrebig steuert James den Bereich an, in dem man von verschiedensten Händlern leckeres Essen kaufen kann. Viel besser als sonst wo in der Stadt, weil hier nicht nach dem europäischen Geschmack gekocht wird, sondern nach Originalrezept!
Hier erfahre ich dann auch endlich, warum wir mit einem solchen Eiltempo hierher geeilt sind: James hat eine Verabredung mit einem seiner „Cousins“, Ben. Ben ist nicht wirklich mit James verwandt, sondern ein deutscher Student aus Karlsruhe. Ich bin etwas verwirrt von dieser Enthüllung, und stehe etwas ratlos neben Ben, während James zu den Läden eilt, um für eine ganze Kompanie chinesisches Fast Food zu besorgen. Ben lacht mich aber nur an, meint, mit James müsse man auf solche Aktionen gefasst sein, er wäre immer dabei, etwas zu organisieren und vor allem, für seine „Familie“ zu sorgen. Jedermann war sein „Cousin“,
und manchmal fühlte sich sogar Ben wie ein Angehöriger einer gewissen sizilianischen „Familie“. Kurze Zeit später kehrt James zurück, die Hände voll mit Futter. Auch Ben stürzt sich sofort darauf und ich werde genötigt, alles zu probieren. Nur einige Teigtäschchen lasse ich außen vor, denn ich kann den Inhalt beim besten Willen nicht identifizieren und solches Essen ist mir suspekt!
Aber wir sind weit davon entfernt, gemütlich zusammen zu sitzen, James plant nämlich seinen nächsten Coup—am folgenden Tag sollte sich am Abend die ganze „Familie“ in seinem Stammlokal einfinden, um dort mit mir zu feiern. Mir blieb der Mund offen stehen. Ben würde der Überträger dieser Botschaft sein.
Wieder versuchte ich, diese Nachricht zu verarbeiten, aber wieder war James gleich nachdem er das letzte Essen verschlungen hatte, wieder aufgesprungen und hatte mich wieder gepackt.
Ein kurzes „Wiedersehen“ an Ben, dann waren wir wieder im Menschengewühl verschwunden. Bevor wir aber endgültig zu James´ Bude fuhren, brauste er in seinem alten Kleinwagen noch durch die Straßen der Siedlung, zeigte mir Bushaltestellen, falls ich alleine auf Streifzug ging und einen kleinen Aussichtspunkt, auf den Hügeln über der Stadt.
Dann, endlich, fahren wir zu seinem Domizil. Bis zu diesem Moment war ich der Ansicht,
dass James ein ganz gewöhnlicher, ein ZU gewöhnlicher Student war. Doch vor allem diese Geschichte mit der „Familie“ hätte mich eigentlich stutzig machen sollen!
Wir fahren die kleine Seitenstraße an einem langen, eisernen Zaun entlang, um schließlich durch ein großes, gusseisernes Tor einzufahren. Ja, wir biegen ein, fahren durch eine mit Bambus eingerahmte Einfahrt, durch eine weitläufige Parkanlage, in deren Mitte ein riesiges Gebäude, ein regelrechter Palast, steht. Meine Augen fallen mir fast aus dem Kopf. Ich nehme nur noch halb wahr, wie wir auf eine Garage zufahren, von der James sagt, dass es seine wäre— und darin steht noch sein Zweitwagen, ein flotter, zweisitziger Sportwagen.
Verzweifelt sehe ich mich nach der versteckten Kamera um, denn eindeutig war ich hier im falschen Film! Was ging hier vor? War James der Sohn von einem Scheich?
Wie ich aber später erfahre, ist James Familie so etwas wie Thyssen oder Sachs in Deutschland, sie haben ihr Geld mit Fußabtretern gemacht und sozusagen ein Fußabtreter- Imperium errichtet, denn jeder Aussie hat von ihnen einen Fußabtreter daheim!
Kein Wunder also, dass sie in einem Palast in Adelaides teuerster Wohngegend residieren!
James führt mich, mir steht noch immer den Mund offen, hinein, und dort werden wir erst einmal von seinem Hund, einem Australian Shephard begrüßt. Ein netter Hund und die Beschäftigung mit ihm kann mir etwas die scheu vor diesem großen Gebäude nehmen.
James führt mich in mein Zimmer, durch alte Gänge und eine Treppe wie aus alten Filmen hoch, überall an den Wänden Gemälde der Familienahnen und von Landschaften, Gemälde, die bestimmt auch einiges an Wert besaßen. Noch nie zuvor hatte ich in einem solchen Schloss gewohnt—und ich bezweifelte es sehr, dass ich mein Zimmer am Abend problemlos wieder finden würde.
Um dem Hund noch etwas Bewegung zu geben, machen wir noch einen Spaziergang in die nahen Grünanlagen. Das gibt mir die Gelegenheit, mich etwas zu entspannen und die Umgebung näher kennen zu lernen. Auch hier mitten in der Stadt gibt es eine Vielzahl Getier,
denn in den Büschen huschen bunte Rainbow Lorikeets, Regenbogenlori- Papageien herum, in den Bäumen über uns hocken Koalas, die träge auf uns herabsehen und im kleinen Bach leben bunte Yabbies, Flusskrebse, die nach Angaben von James sehr gut schmecken.
Am Abend muss James arbeiten, und zwar ist er Kellner im teuersten Nobelrestaurant der Stadt. Naja, wer ein normaler Student sein will, der braucht auch einen normalen Job…
Das gibt mir aber die Gelegenheit, mich etwas einzugewöhnen und den Abend in der großen Bibliothek des Hauses zu verbringen, in der man sich über nahezu alles informieren kann.
Den Weg in mein Zimmer finde ich auf den einfachsten Weg zurück:
Ich öffne eben alle Türen und spähe hinein, bis ich endlich den Raum finde, in dem meine Habseligkeiten einen großen Haufen bilden.
Schon früh am Morgen muss ich am nächsten Tag aufstehen. In Eigenregie reise ich zum South Australian Museum, wo Archie auf mich wartet: Zusammen mit seinem Kollegen wollten wir ja im Busch auf Ameisenjagd gehen! Von so etwas hatte ich mein ganzes Leben geträumt, einmal mit echten Forschern nach unbekannten Tieren suchen!
Nachdem ich Pförtner und Sicherheitskontrolle hinter mich gebracht habe, lerne ich im Ameisenlabor Archies Freund und Mitstreiter kennen, den alle nur noch „X“ nennen.
Er fand seinen ursprünglichen Namen auf seine alten Tage langweilig, also hat er sich umbenannt, in „Exotherik“, weil das so herrlich „extraordinär“ war. Aber, was wollte man von einem alten Mann erwarten, der sein Leben lang Computerfreak war und nun auf Ameisen umgestiegen war? X war eben ein echter Charakter, aber nett und unterhaltsam,
liebenswert, wie die meisten Aussies, die ich getroffen habe. Bevor wir aber losgehen können, muss Archie noch einige Dinge erledigen, und so bleibt mir die Gelegenheit, mich für umsonst etwas im Museum umzusehen. Das South Australian Museum besitzt eine der größten Aborigine- Ausstellungen der Welt und man kann sich regelrecht darin verlieren,
mit all den verzierten Waffen, Werkzeugen, Körben und Didgeridoos. Zuvor hatte ich nur in Melbourne, wo ich einige Tage übernachtete, im Museum eine Aborigine- Ausstellung besucht, doch in Melbourne ist dieser Teil des Museums Eigentum der Nachkommen der Aborigines. Diese teilten mir mit, dass sie es noch immer sehr bedauern, dass ihre heiligen Gegenstände und auch Skelette ihrer Vorfahren in Museen der ganzen Welt vor sich hin verstauben. Die Weißen waren damals in ihr Land eingedrungen und hatten alles gestohlen, was ihnen wertvoll erschien. Der Aborigine- Führer fragte mich auch, woher ich kam, und als ich antwortete, aus München, schüttelte er erneut traurig den Kopf. Obwohl ich im Münchner Völkerkundemuseum nie eines der Aborigine- Exponate gesehen habe, sie verstauben wohl im Keller vor sich hin, besitzt die Stadt noch immer viele wertvolle Objekte der Ureinwohner.
Heilige Gegenstände, gestohlen von einem Volk, von dem man glaubte, dass es aussterben würde. Aber die Aborigines haben überlebt—und sie haben ein Recht darauf, ihr Eigentum zurückzubekommen!
In Melbourne führen die Aborigines ihre weißen Gäste durch die Ausstellung, berichten vom beschwerlichen Leben ihrer Vorfahren im Busch. In Adelaide hingegen ist es anders, und es war für mich wie ein Schock, als ich das sah:
Während ich die wunderschönen Boomerangs aus dem Kakadu- Park bewundere, kommt eine Schulklasse an mir vorbei. Aborigine- Kinder, die ein weißer Führer über ihre Herkunft, ihre Kultur und ihre versuchte Auslöschung aufklären musste. Verkehrte Welt, das Schicksal eines Volkes, das wohl nie gleichwertig sein würde mit der Übermacht der weißen Eroberer. Sofort kamen mir all die rassistischen Äußerungen wieder ins Gedächtnis, die ich von vielen Aussies gehört hatte, Aussies, die mir sonst eigentlich ganz freundlich und vernünftig erschienen, die teilweise sogar meine Freunde waren. Und ich musste an eine Geschichte denken, die mir John, der fahrende Lehrer, erzählt hatte: Er übernachtete einmal in einer Jungendherberge, in der auch ein Aborigine- Metzger schlief. John sprach ihn an, und der Schwarze freundete sich nach einiger Zeit mit ihm an. Der Aborigine arbeitete als Metzger am Schlachthof, hatte einen gut bezahlten Job, war noch nie negativ aufgefallen und eigentlich ein ganz normaler Bürger. Trotzdem war es ihm nicht möglich, im ganzen Ort eine richtige Wohnung zu finden, aus dem einfachen Grund, weil niemand einen primitiven Wilden unter seinem Dach wohnen lassen wollte. Die Kultur der Aborigines ist zu fremd, als dass sie von den meisten Europäern verstanden werden könnte. Immerhin scheinen die meisten Europäer noch nicht einmal ihre eigene Kultur und damit das Christentum, so recht verstanden zu haben.
Tief erschüttert verlies ich die Aborigine- Ausstellung und suchte eine andere Ausstellung auf, die mich etwas ablenken konnte. Das South Australian Museum ist unter anderem noch bekannt für seine Sammlung an seltenen Opalen. Vor allem die Sammlung von opalisierten Fossilien, wundervolle Muscheln, Schnecken, Pflanzen und Wirbeltiere in Schmuckqualität.
Das Prunkstück des Museums aber stellt wohl das komplette, opalisierte Skelett eines Plesiosauriers dar, die einzelnen Knochen lebensecht zusammengesetzt und an die Decke gehängt. Als echter Fan dieser schimmernden Edlesteine konnte ich mich kaum von diesem Anblick losreißen, ein Saurierskelett, das in allen Farben des Regenbogens schillerte!
Dann endlich ging es los, zur Ameisenjagd in die Nationalparks rund um Adelaide.
Man stelle sich das Chaos vor, mit den beiden alten Forschern Archie und X in den Busch, wobei beide keine rechte Ahnung haben, wo sie hinmüssen und wie man dort hinkommt.
Teilweise befürchtete ich, dass wir IRGENDWO landen würden, nur nicht dort, wo wir eigentlich hin wollten. Die zwei alten Männer waren sich aber nicht nur über den Weg uneins, nein, auch das Musikprogramm erregte Ärger. Es lief das Klassikprogramm, und das Orchester gab sich die allergrößte Mühe, aber die beiden Zuhörer waren sich nicht einig, wer wohl der Komponist des Werkes war. „Beethoven!“ schrie der eine, „Tschaikowsky!“ der andere, wobei der erste wieder mit „Dvorjak!“ konterte. Über diesen Streit hinaus hatten wir es tatsächlich geschafft, mehrmals die falsche Abzweigung zu nehmen. Immerhin war ich gut unterhalten!
Den ersten Nationalpark wollte mir Archie nur wegen der zu dieser Zeit blühenden Orchideen zeigen. Wir trafen dort auch extra einen Parkranger, der sich mit den schönen Blümchen auskannte und uns somit einige echte Naturschönheiten präsentieren kann.
Danach startet das Unternehmen „Bandicoot Track- Ameisensammlung“.
Jeder Stein wird umgedreht, jedes Löchlein umgebuddelt und Archie schießt im wahrsten Sinne des Wortes Fotos von jedem Dreck… Entschuldigung, natürlich von jedem Ameisenhügelchen, das er findet. Es gibt sogar ein wunderbares Bild, in dem ich auf einem großen Ameisenhaufen sitze, oder eines, wie ich auf diverse Ameisennester zeige.
In jedem Fall war es interessant, wie so eine Ameisenjagd vor sich geht, wenn es wohl auch normalerweise etwas weniger chaotisch zugehen dürfte. Man stelle sich nur einmal zwei alte Männer vor, wie sie auf dem Boden herumkriechen (Archie hat ein extra Sitzkissen dabei, das ihm gute Dienste leistet) in der Erde wühlen, mit der Pinzette einzelne Insekten fangen und in kleine Plastikröhrchen stecken und dabei beim Anblick jeder einzelnen Ameise in Verzückung geraten und laut jubeln. Zwischendurch gibt es auch Mittagessen, bei dem ich den beiden hektischen Forschern die Butter aufs Brot schmiere und mit zusammengeklebtem Käse und Schinken kämpfe. Als es zu Regnen beginnt, suchen wir sogar noch eine zweite Lokalität auf und machen dort sogar eine interessante Entdeckung: Eine Ameisenart, die sonst nur auf schwerem Boden lebt, siedelt hier auf Sand—und ich habe sowohl die betreffende Ameise und das entsprechende Nest gefunden! Einige Bilder werden von mir geschossen.
Nach dieser Ameisenaktion setzten wir X unterwegs bei seiner Stammkneipe aus, Archie und ich kehren zu ihm nach Hause zurück. Seine Frau hat groß aufgekocht, Lammbraten mit,
ja, gekochtem Gemüse, Kartoffelbrei und – Minzsosse.
Eines meiner Lieblingsgerichte. Wirklich! Denn es ist nicht so schlecht, wie immer behauptet wird und wie ich auf Tasmanien gelernt habe—man muss immer erst probieren, bevor man lästern kann!
Zu diesem Festmahl stößt auch Peter dazu, ein weiterer „Cousin“ von James, der die nächsten Tage ebenfalls in James „Bude“ wohnen wird. Peter ist ursprünglich eigentlich ein Australier, aber er lebt seit über 10 Jahren in Österreich um dort den Sommer über auf einem weingut zu arbeiten. Wenn man ihn aber so ansieht, braungebrannt, mit dunklen Locken, ein freundliches, verschmitztes Lächeln auf den Lippen, kann man problemlos seinen zweiten Job erraten, den er in den Wintermonaten ausübt: Dann ist er nämlich Schilehrer!
Wie Peter und James sich kennen gelernt haben und Peter in die „Familie“ aufgenommen wurde, ist wohl eine ganz eigene Geschichte…
Nach dem reichlichen Essen waren wir gut gerüstet für die große Party, die James zu veranstalten gedachte. In der Innenstadt traf sich die ganze „Verwandtschaftsriege“ des
„Prinzen“ in dessen Stammkneipe, die „Worlds End“ heißt. Dort schwärmen dann gleich
5 (!!) Männer um mich herum, alles Freunde und „Cousins“ von James, die mir fleißig Drinks und vor allem tasmanisches Bier spendieren. Genau die Sache, die ich für mein Ego gebraucht habe, denn ich vermisse sie schon sehr, meine lange Zeit auf der Insel Tasmanien.
Nach einiger Zeit kommt auch „Cousin“ Ben zu mir, der deutsche Student, der mir mitteilt, wie froh er ist, demnächst wieder nach Deutschland zu kommen. Er hat es satt, in dieser Provinz abzuhängen—sogar die Großstädte in Australien sind aus deutscher Sicht doch nichts weiter als langweilige Provinznester! Diese Meinung kann ich nicht teilen, schwärme ihm von all meinen Erlebnissen vor—denn ich hatte mich kein einziges Mal in Australien gelangweilt!
Aber Ben lacht, meint, er ist wohl eher ein Stadtmensch, und für ihn ist diese ländliche Stimmung hier fast Gift. Auch wenn James und seine „Familie“ ihn immer gut versorgt haben…
Zum Glück hörte niemand unser deutsches Gespräch mit an, es wäre ja für alle Umherstehenden schwierig genug gewesen, ein englisches Gespräch in der allgemeinen, angeheiterten Lage zu verstehen. Auch wenn Ben anderer Meinung war, ich hatte mich prächtig amüsiert und bis spät in die Nacht ging die Feier noch weiter.
Zum Glück können wir am nächsten Morgen ausschlafen und Peter, neben seinen Qualitäten als Schilehrer auch Koch, macht uns leckere Pfannkuchen zum Frühstück. Nach einem kleinen Ausflug in Adelaides Berge werden Peter und ich von James zum Mittagessen
in ein kleines, aber feines italienisches Lokal eingeladen, wo wir bevorzugt bedient werden, da der Kellner ein Mitglied der „Familie“ ist.
Eines ist sicher, an den Aufenthalt im Palast des Prinzen von Adelaide werde ich noch lange zurückdenken!