11. Kapitel: Der fahrende Lehrer von der Great Ocean Road
Im Jahr zuvor hatte ich in einer australischen Herberge John, einen Lehrer, kennen gelernt.
Er reiste als fahrender Lehrer durchs Land, und gab einmal hier, mal dort für ein oder mehr Semester Unterricht. Obwohl er nie viel sprach (ich habe die Theorie aufgestellt, dass er all sein Gesprächspotential bereits im Unterricht verbrauchte), war er ein sehr netter Kerl und hatte mich zu sich in sein neues Domizil in Warrnambool, westlich von Melbourne, eingeladen. Da sagte ich natürlich nicht nein, vor allem, weil ich die Great Ocean Road noch nicht gesehen hatte und er mich zu einer kleinen Rundfahrt einlud. Und noch etwas erweckte meine Aufmerksamkeit, es war genau die Zeit, in der die südlichen Glattwale zurück in die Bucht vor Warrnambool kamen, um ihre Jungen zu bekommen. Das war sozusagen ihre Kinderstube. Glattwale, die in der englischen Sprache „Right Whales“, also die „richtigen“ Wale zum Jagen und Töten auf See, genannt werden, sind sehr selten geworden. Ich freute mich also darauf, so seltene Tiere zu sehen, die die Australier mittlerweile hegten und pflegten und nicht einmal mit einem Waltourismus belästigen wollten, der bei anderen Walarten sonst mit Dutzenden von Booten üblich war. Hier musste man sich schon auf einen der Aussichtspunkte an der Küste stellen und mit dem Feldstecher aus Meer hinausspähen, wollte man eines der scheuen Tiere zu Gesicht bekommen. Das war ganz so, wie die frühen Walfänger, die von der Küste aus losgezogen waren, Ausschau gehalten hatten. Nun will den Glattwalen aber niemand mehr an den Speck und jährlich werden wieder mehr Paare gesichtet, die sich den staunenden Touristen zeigen.
Natürlich hatte ich auch mein Didgeridoo aus Queensland mit zu John gebracht und wider Erwarten war er davon sogar sehr angetan. Immer wieder forderte er mich auf zu üben und zum ersten Mal schaffe ich es so unter den Augen meines staunenden Publikums, einen echten Sound herauszubekommen. Selbst hatte der Lehrer es auch versucht, war aber kläglich gescheitert. Ich teilte ihm sofort mit, er sei wohl auch so verkrampft wie ich es am Anfang gewesen war… dazu müsse man sich aber entspannen können!
Leider habe ich den Verdacht, dass nicht meine musikalischen Künste John dazu veranlassten, mich zum Spielen zu animieren, sondern wohl seine lauten Nachbarn, die allzu oft laute Partys feierten und er somit die Gelegenheit hatte, sich mit meiner Hilfe zu rächen.
Denn ich war der Ansicht, mit den Geräuschen aus meinem Didgeridoo eher Ungeziefer vertreiben zu können…
Gleich nach meiner Ankunft brachte er mich zu seinem Haus, wo ich erst einmal mein Marschgepäck ablegte und er mir einen Begrüßungstee vorsetzte. Anschließend lud er mich zu einer kleinen Rundfahrt durch Warrnambool ein, das nicht sehr überraschend anders aussieht als jede andere 08/15 australische Kleinstadt auch. Das einzig Bemerkenswerte war der ALDI, der mir dort sofort ins Auge stieß. Ich hatte noch keinen einzigen Laden dieser Kette in Australien gesehen und befürchtete sofort die bereits in Deutschland so verschriene
„Aldisierung“ des Landes. John war etwas verwirrt, als ich nach der Entdeckung des Supermarktes in beinahe Hysterie ausbrach, aber ich erklärte ihm, dass dies das erste Exemplar seiner Gattung war, das ich auf australischem Boden sah. Und fragte gleich nach, was er davon hielt. John antwortete, er habe das Geschäft bereits einmal inspiziert. Aber leider konnte er dort nicht finden, was er suchte (was ich für einen sehr originellen Grund halte, einen Aldi zu besuchen), weshalb er bald darauf wieder ging, ohne noch mal wiederzukommen. Meine Befürchtung wegen einer Verbauung des Outbacks musste ich also etwas zurückstecken: Es beruhigte, dass Urgesteine wie John entweder das Aldi- Konzept nicht verstanden haben oder zumindest nicht davon überzeugt sind.
Bei einem Abstecher in Johns Stammkneipe, wo er mich auf ein Bier einlud, erfuhr ich von der Bedienung, dass meine Chancen, einen Wal zu sehen, ganz gut sind. Denn die Glattwale waren diese Woche schon gesichtet worden, sogar schon mit einem Kalb, was hieß, dass sie sich vorerst nicht weit von der Küste entfernen würden.
Zum Abendessen hatte John sich nicht lumpen lassen und Haifischsteaks gekauft, die er zusammen mit dem obligatorischen Kartoffelbrei und gekochtem Gemüse zubereitete.
So kam ich in den Genuss, zum ersten Mal in meinem Leben auch einmal Haifisch gegessen zu haben.
Am folgenden Tag machten wir uns auf zur Great Ocean Road. Hier präsentierte mir der Lehrer all die Sehenswürdigkeiten, die man aus den Bildbänden und Reiseführern kennt,
die „Bay of Islands“, die 12 Apostel, eben die Felsformationen, die das Meer in Jahrtausenden aus der Steilküste herausgeschnitten hatte. Eigentlich kann man die Great Ocean Road in drei Teile teilen, den ersten mit den bekannten Felsformationen, einen bewaldeten Teil und den letzten Abschnitt, an dem die Straße direkt an der Steilküste entlang läuft. John mochte den bewaldeten Teil am liebsten, denn es ist sein Hobby, im Regenwald wandern zu gehen. Hier laufen wir einen ruhigen Wanderweg entlang, unter Baumfarnen zu einem kleinen, versteckten Wasserfall. Laut der Warnschilder an den Straßen gibt es in diesen Wäldern Koalas, so dass ich oft hinauf in die Bäume blicke, um einen zu erspähen. Leider habe ich kein Glück, das Laub ist zu dicht, um irgendetwas zu erkennen. Aber John sagte mir, dass die Koalas hier eher scheu sind, obwohl sein Freund schon einmal einen auf einer Wanderung gesehen hat.
Die Great Ocean Road ist so großartig, wie sie in vielen Australienbüchern beschrieben wird.
Unglaubliche Felsformationen, und riesige Wellen, die ohne Rast gegen den Kalkstein donnern und ihn damit immer wieder neu formen. Es gibt auch mehr als 12 Apostel, auch wenn immer wieder einige der Felssäulen durch die Macht der Wellen brüchig gemacht zusammenbrechen. Bevor sie ihren christlichen Namen erhielten, nannten sie die ortsansässigen Fischer deswegen auch „die Sau mit ihren Ferkeln“, da ein größerer Felsen im Meer die Reihe der Kalksteinsäulen anführt. Da hört sich doch „12 Apostel“ wesentlich netter an—und vor allem auch tauglicher für diverse Reiseführer! Wie würde sich das denn anhören:
„Heute besuchen wir die Sau mit ihren Ferkeln?“
John zeigt mir auch einige Küstenstädte, darunter Apollo Bay, wo seine Eltern einmal gewohnt haben. In Lorne machen wir einen kleinen Spaziergang am Strand und am Landungssteg und beobachten eine Übung der Küstenwache, die mit ihren Booten vor dem Strand ihre Kreise zog.
Aus den ehemals verschlafenen Nestern Apollo Bay und Lorne sind mittlerweile Naherholungszentren für die Melbourner Stadtbevölkerung geworden und sie haben sich in geschäftige Touristenorte verwandelt. Vorbei ist es mit der Beschaulichkeit, die es hier laut John zu seiner Kindheit noch gab.
Unterwegs kaufte sich John noch einen Lottoschein, in der Hoffnung, bald Millionär zu werden, damit er sich seinen Traum erfüllen konnte: Ein Haus an einem See in Tasmanien.
Leider erfüllt sich dieser Traum nicht, als John mit enttäuschten Augen am Abend die Lottoshow ansieht.
Dafür hat er einmal mehr groß aufgekocht, Lammkeule in Tomatensauce mit—
ja, klar, gekochtem Gemüse und Kartoffelbrei. Manchmal lies mich die Einfallslosigkeit der australischen Beilagen an deren Fantasie zweifeln…
Der nächste Tag begrüßt uns mit herrlichen Sonnenschein und einer Überraschung in Johns Morgenzeitung:
ich finde darin einen Bericht über Urlaub in Queensland, in dem ich genau das Resort wieder finde, in dem ich mehrere tage so billig residiert habe. 660$ kostet der Spaß für drei Nächte eigentlich regulär, Mann, da habe ich wirklich ein echtes Schnäppchen gemacht!
Den ganzen Morgen laufen wir die Strandpromenade entlang und halten mit John kleinem Feldstecher Ausschau nach den Walen. Wir beobachten jede Welle und jeden dunklen Schatten, haben aber wenig Erfolg. Im Hafen treffen wir auf den Mann, der das einzige Walbeobachtungsboot der Gegend betreibt und fragen den, ob er wüsste, wo die Wale sind.
Leider schüttelt auch der traurig den Kopf. Die Wale seien da, das wüsste er. Aber wo er nach ihnen suchen sollte, das wüsste er nun nicht. Er selbst könnte mit seinem Boot nur auf gut Glück aufs Meer hinaus fahren…
Die Kinderstube der Wale vor Warrnambool sollte an diesem Tag ihre Geheimnisse nicht preisgeben. Dafür legten John und ich noch eine gemütliche Teepause in einem kleinen Cafe am Strand ein, genossen den Sonnenschein und blickten auf das Meer hinaus.
Zum Mittagessen hatte sich John etwas ganz Besonderes ausgedacht—
Grillen im „Tower Hill“- Wildreservat. Er wusste ja, wie sehr ich wilde Tiere liebte, und nun wollte er mir die Gelegenheit geben, Kängurus, Emus und Koalas ganz nahe zu sehen.
Näher als uns beiden lieb war!
Tower Hill ist ein riesiger, alter Vulkankrater, dessen Vulkan zuletzt vor 8000 Jahren ausgebrochen ist. Anders als die früheren Vermutungen von Geologen, dass Australien wenig aktiv ist, finden sich doch überall Zeugen von Vulkanismus. Auf Tasmanien, in Queensland und in den Kimberleys hatte ich heiße Quellen und relativ frisches Vulkangestein gesehen
und auch hier, im Staat Victoria, war die Erde aktiv. So stammte ein großer Teil der Wärmeversorgung der kleinen Touristenstadt „Port Fairy“, nahe Warrnambool, von den heißen Quellen in dieser Gegend.
Der größte Teil des Tower Hill Kraters ist heute ein großer See, der besonders für sein vielfältiges Vogelleben bekannt ist. In der Mitte des Kraters ragt ein Zentralberg in die Höhe, von dem man aus einen wunderbaren Blick auf die ganze Umgebung hat.
Im Reservat hat man viele Bäume gepflanzt und viele bekannte australische Tiere ausgesetzt, die ihre Scheu vor dem Menschen fast ganz überwunden haben. In den Bäumen sitzen seelenruhig die grauen Koalas und mümmeln friedlich ihre Blätternahrung, überall springen südliche graue Kängurus herum und vor allem muss man sich vor den freilaufenden Emus in Acht nehmen, die jeden neu ankommenden Touristen genau daraufhin beobachten, ob er etwas Fressbares dabei hat. Zusätzlich hat man in Tower Hill auch ein kleines Aboriginal- Kulturzentrum errichtet, mit einer Ausstellung zur Geologie der Gegend und zu den ehemals ansässigen Aborigines.
Vor dem Essen laufen John und ich erst einmal den Rundweg um den Kraterberg, was uns eine Stunde in Anspruch nimmt. Aber die grandiose Aussicht von der Spitze des Berges aus,
und der Blick zum Meer, in das sich vor 8000 Jahren gewaltige Lavaströme ergossen haben,
entschädigt für vieles, auch für die erneut aufziehenden dunklen Wolken.
Dann beschließen wir, den Grill anzuheizen. John hatte extra für diesen Event scharfe Grillwürstchen gekauft, die er nun auf einen Grill nahe dem Parkplatz legte.
Eine wunderbare Sache in Australien sind die öffentlichen Grillplätze, die überall zu finden sind. Mitten in der Wüste trifft man auf sie, wo man sonst keinerlei Spuren der Zivilisation vermutet. Aber, eine der nationalen Beschäftigungen der Australier ist nun einmal das Grillen
und so ist es nicht überraschend, auch im tiefsten Busch einen Grillofen zu finden, auf dem steht, dass man nur eine 2$ Münze einwerfen muss, um 30 Minuten lang gemütlich vor sich hin brutzeln zu können. Und—es funktioniert! Man stelle sich nur den nationalen Aufstand vor, sollte ein Aussie ins Outback fahren und dort am Grill seiner Wahl nicht sein Steak brutzeln können!
In Tower Hill wird jedes BBQ zum Erlebnis, gewürzt durch die Eigenschaften der ausgesetzten Tiere. Am Anfang befürchtet man noch, dass die Koalas, die träge in den Ästen keine 2m über dem Grill hängen, auf eben diesen herunterfallen. Denn die armen Tiere werden ja auch noch als „Fallbären“ bezeichnet. Oft sind sie von den giftigen Stoffen in ihrer Nahrung so betäubt, dass sie einfach von den Bäumen, auf denen sie sitzen, herunter fallen.
Doch bald zeigte sich John und mir, dass die Koalas wohl auf sich selbst aufpassen konnten.
WIR hatten Schwierigkeiten, denn ein Enterkommando der Emus hatte uns als lohnende Beute ausgemacht. Diese großen Laufvögel sind sehr frech und nutzen jede Gelegenheit, Essen zu stehlen. Und sie haben dazu auch ausgeklügelte Ablenkungsstrategien entwickelt!
Einer von ihnen schlich sich an und schnappte sich unser Brot, mit dem er sofort davonrannte.
Zum Glück lies ihn die ungewohnte Last etwas unkoordiniert laufen, so dass ich in der Lage war, dem Vogel zu folgen und ihm seine Beute streitig zu machen. Schließlich lies er unser Brot wieder fallen. John hatte mich amüsiert beobachtet, und als er eben noch über mich lachte, hatte sich schon der Rest der Truppe an unseren Grill herangeschlichen, den John nun auf meinen Alarmruf hin mit dem Grillbesteck gegen den Ansturm verteidigte.
Am Abend fiel der Abschied von John, dem netten, fahrenden Lehrer, sehr schwer.
Aber immerhin hat er mich bereits in seine zukünftige Hütte auf Tasmanien eingeladen—
dann, wenn er demnächst im Lotto gewinnt!