10. Kapitel: Im Bann des Regenwalds
Am nächsten Morgen werden wie alle vom lauten Lachen des Kookaburras, einem großen Eisvogel, der wegen seines Rufes auch als „Buschalarm“ oder „Lachender Hans“ bekannt ist,
aufgeweckt. Eine Gruppe dieser Vögel sitzt in einem nahen Baum und macht schon so früh Radau, dass an Schlaf nicht mehr zu denken ist. Eine strahlend goldene Sonne geht über dem Outback Nordqueenslands auf und uns wird schnell warm. Leider müssen wir aber an diesem Tag auch wieder zurück an die Küste fahren, wo es noch immer seit einer Woche in Strömen regnet. Kein Wunder, denn es geht ja in den Regenwald, und der heißt ja nicht umsonst so!
Ein Besuch im Daintree National Park steht an, was Regenwaldfeeling pur bedeutet. Unablässig tropft Wasser von den Bäumen auf uns herab, als wir eine Wanderung in der Mossmann Gorge unternehmen und dabei natürlich massig Blutegel von den Büschen absammeln. Diese kleinen, lästigen Parasiten, die wie Zecken im Unterholz auf Opfer lauern,
sind besonders scharf auf mich, das hatte ich in Tasmanien auf meinen Wanderungen schon festgestellt.
Die Nacht würden wir im Daintree Village verbringen, das mit der Fähre über den Daintree River zu erreichen war. Hier lohnte es sich nicht, eine Brücke zu bauen, da es so oft zu Überschwemmungen kam und der Fluss seinen Lauf änderte, dass ein solches Vorhaben nur zu einem Misserfolg führen konnte. Im Ressort erwartete mich dann eine große Überraschung—
die sieben Tagetour, die ich gebucht hatte, konnte ich nicht weiterführen, da alle Teilnehmer außer mir wegen des schlechten Wetters abgesagt hatten. Zwei Tage im Regenwald, die ich nun versäumte! Aber man bietet mir eine Alternative an, einen Tagesausflug nach Cooktown, zwei Übernachtungen im Coconut Beach Ressort in Cape Tribulation und einen Schnorchelausflug zum Riff von Cape Tribulation aus. Na, das hörte sich doch wie ein absoluter Hauptgewinn an, vor allem, als ich diese Nachricht meinem Tourguide Matt zeigte. Dem fielen fast die Augen aus dem Kopf, als er das mit dem Coconut Beach Ressort las und sagte, das wäre absolut spitze!
So muss ich am nächsten Tag um 5 Uhr früh aufstehen, um an meinem Tagestrip nach Cooktown teilnehmen zu können. Als allererstes denke ich natürlich an mein Didgeridoo,
das ich zusammen mit meinem ganzen Gepäck zu dem Geländewagen schleppe, der mich weiter nach Norden bringen würde. Mein neuer, persönlicher Guide John wartete bereits auf mich, beobachtete amüsiert, wie ich alle meine Besitztümer auf einem der Sitze im Bus verstaute. Um weiter nach Norden zu kommen, mussten wir den größten Teil der Strecke über den Bloomfield Track, eine schlammige Schlaglochpiste, durch den dichtesten Dschungel zurücklegen. Wegen des Wetters ist der Weg natürlich alles andere als gut befestigt und als es dann daran geht, einen steilen Hügel auf dieser schlammigen rutschigen Straße hoch und wieder runterzukommen, kommen wir dermaßen ins Rutschen, dass sich unser Bus auf einmal quer stellt. Zum Glück sind wir die Einzigen Menschen auf dieser Piste durch den Wald, und nach dem ersten Schreck stellt John auch endlich den Vierradantrieb ein, um uns wieder aus der misslichen Lage zu befreien. Bei der ganzen Aufregung wird mein Didgeridoo natürlich ordentlich durchgeschüttelt und fällt sogar zu Boden, zum Glück habe ich es aber so gut verpackt, dass nichts passiert.
Direkt am Bloomfield Track liegt die Aborigine Kolonie „Wugal Wugal“. Der Name bedeutet soviel wie „Wasser Wasser“, also viel Wasser, was auf einen Wasserfall hindeutet. John hält den Bus mitten im Regenwald an, denn wir warten auf die Aborigines, die hier eine geführte Wanderung durch den Wald anbieten, was auf meiner Tour nun inklusive ist. Wir warten eine ganze Zeit lang, denn im Busch wird es mit der Pünktlichkeit nicht so genau genommen, was John und mir aber die Möglichkeit gibt, noch gemütlich einen heißen Frühstückstee zu trinken. Mein persönlicher Guide ist generell sehr nett, ständig hält er für Fotos, bringt mich zu jedem Aussichtspunkt, stoppt, wenn ich mein Didgeridoo nach wilder Fahrt retten muss und hält sogar an einem Fluss mit mir Ausschau nach einem gefährlichen, Menschen fressenden Salzwasserkrokodil, das in den Wochen zuvor ein paar Aborigine Kinder angefallen hat und für das Fallen aufgestellt wurden. Leider war das Reptil viel zu schlau, um in irgendeine Falle zu gehen…
Die kleine Wanderung mit den Aborigines ist ebenso toll, denn nun habe ich meine eigenen Aborigines für mich alleine und die zeigen mir jeden Strauch und jeden Baum in ihrem Wald.
Sie erklären mir die Verwendung der verschiedenen Pflanzen, darunter auch einen Busch, dessen Blätter für einen Liebestrank verwendet werden. Und natürlich auch die Gewächse, die nicht so freundlich sind, sondern richtig gefährlich: nämlich die „Stinging Trees“, Stechbäume, mit ihren giftigen Haaren, die sich tief unter der menschlichen Haut anlagern. Nur durch Körperwachs können diese Haare entfernt werden aber selbst nach einem Jahr kann es noch immer Nachwirkungen durch das Gift geben, vor allem, wenn es kälter wird und sich die Haut dadurch zusammenzieht.
Zum Abschluss wird mir der heilige Wasserfall des Stammes präsentiert, eine wichtige Naturerscheinung, denn der dazugehörige Fluss ist die Wasserquelle der Aborigines und noch nie ausgetrocknet. Auch der Pool vor dem Wasserfall gehört zu diesem heiligen Ort, den nur bestimmte Stammesangehörige nutzen dürfen. Denn hier leben viele Fische, die von den Aborigines auch gefüttert werden und diese sind, logischerweise, auch heilig. Leider beachten das viele Touristen nicht, die hier vorbei kommen und packen gerne mal ihre Angelrute aus…
Als ich mitteile, dass ich ein Tierarzt bin, klagt mir dann eine der Aborigine- Frauen ihr Leid:
Zu ihnen in den Norden will kein Tierarzt hochkommen und dabei bräuchten sie sehr dringend einen. Oft werden nämlich die Hunde der Jäger bei der Jagd auf Wildschweine verletzt und die Tiere müssen dann oft verbluten, weil der Weg zum nächsten Tierarzt zu weit ist. Jagd auf Wildschweine… das ist etwas, das in Australien fast nur schwarze Jäger machen. Denn weiße Australier mögen das Fleisch nicht, sehen darin wie auch im Kängurufleisch Tierfutter, oder eben Nahrung für Aborigines. Kein Lebensmittel für zivilisierte Menschen. Wie gut es auch immer schmecken mag. Mir ist auch klar, warum kein Tierarzt den Ureinwohnern helfen will, denn sie haben oft kein Geld. Und fast schlimmer ist wohl noch der gewaltige Rassismus, der ihnen entgegenschlägt.
Nach der Wanderung durch den Wald und der Bewunderung des Wasserfalls, geht die Fahrt mit John nach Cooktown weiter. Über den Black Mountain, einem schwarzen Berg, der eigentlich aus rosarotem Granit besteht, aber wegen der ihn bedeckenden Algen seine Färbung erhalten hat, erreichen wir die kleine Stadt im Norden Queenslands. Hier besteigen wir zuerst „Grassy Hill“, jenen Aussichtspunkt, auf dem bereits schon Captain Cook vor über 200 Jahren gestanden hat. Von hier aus hat man einen wundervollen Überblick über die kleine Stadt, den sie umgebenden Regenwald und das Riff, das sich vor uns im Meer ausbreitet.
Das Städtchen Cooktown ist eine nette, kleine Stadt, die sehr stolz ist auf ihr historisches Erbe.
Sie ist sehr ruhig und es leben auch überwiegend Rentner dort. John und ich unternehmen einen kleinen Rundgang und holen uns einige Hühnchen- Salat- Sandwiches bei einem Bäcker und ich bewundere einige der alten Häuser. Anschließend bekomme ich Gelegenheit, das Captain Cook Museum zu besuchen. Hier gibt es eine schöne Sammlung von Gegenständen der Aborigines, Waffen, Werkzeuge, Gebrauchsgegenstände und auch Zeugnisse von Cooks Landung, zusammen mit seinen Tagebucheintragungen über seine ersten Begegnungen mit den Aborigines.
Schließlich sammelt mich John wieder ein, zusammen mit den Leuten, die in Cooktown übernachtet haben und nun mit nach Cape Tribulation zurückfahren wollten. Wir fahren wieder auf den Bloomsfield Track und machen unterwegs im „Lions Den“ – Pub Halt.
Das ist eine urige, alte Buschkneipe voller australischer Originale und einem kleinen Museum, in dem man eingelegte Schlangen und Spinnen sowie allerlei antiken Krims- Krams
bewundern kann.
Als ich dann am Abend reichlich müde in Cape Trip in meinem Coconut Beach Ressort an komme, einer Anlage, bei der die vielen kleinen einzelnen Gästebungalows mitten im Dschungel verteilt sind, komme ich aus dem Staunen nicht mehr raus. Wow!
Ich bekomme meinen eigenen Bungalow, mit Doppelbett, einem Wohnbereich mit Couch und einem Ventilator an der Decke. Dazu ein eigenes Telefon, Klo und Bad—
wie war das mit dem Hauptgewinn?
Ein eigener Shuttleservice fährt die Gäste auf dem weitläufigen Geländer herum und natürlich auch zum Strand und zu den umliegenden Restaurants. Alles sehr nobel, wenn es auch den obligatorischen Gecko im Bad und trotz Fliegengitter reichlich Moskitos gibt.
Beim Frühstück stelle ich dann auch noch fest, das ich Halbpension habe—was will man mehr?
Am Strand von Cape Tribulation ( kurz: Cape Trip, Kap der Verzweiflung, so genannt von Captain Cook, der hier am Riff gestrandet war) holt mich für meinen Ausflug zum Riff ein kleines Beiboot ab, das mich zu einem wartenden Katamaran bringt. Wegen des Wetters sind nur 15 Leute an Bord und uns erwartet eine eineinhalbstündige Fahrt zum Macay Reef, das Teil des äußeren Great Barrier Reefs ist. Da es mir zum einen kühl ist und ich zum anderen Angst vor der Seekrankheit habe, ziehe ich bereits am Anfang meinen gemieteten Neoprenanzug fürs Schnorcheln an und setze mich dann ganz vorne an den Bug des Bootes.
Hier brandet die Gischt über mich hinweg, aber ich bleibe nass wie ich bin sitzen, im Schneidersitz, fast wie eine Galleonsfigur. Das amüsiert die Crew natürlich sehr, die sind alle der Ansicht, ich würde meditieren., dabei versuche ich nur an der frischen Luft, meiner Seekrankheit zu entkommen. Auch auf der Rückfahrt gebe ich das selbe Schauspiel ab
und als es am Abend an Bord Kuchen gibt, springt ein besonders mutiges Besatzungsmitglied zu mir hin, um mir zwischen zwei Wellen flink ein Stück Kuchen abzugeben.
Mich finden alle in meinem Neoprenanzug derart putzig, dass ich nach der Fahrt nicht einmal Miete für ihn zahlen muss. Das Wetter auf diesem Ausflug ist einmal mehr schlecht, es ist stark bewölkt, Nieselregen und eine frische Brise weht ständig über das Boot hinweg. Am Ende des Tages bin ich blau gefroren—aber nicht seekrank!
Das Riff, das wir ansteuern, ist gesünder, besser erhalten und arteinreicher als der Teil im touristisch belasteten Cairns. Besondere Bewunderung finden bei mir die vielen Stechrochen
die ich sehe und auch die Begegnung mit einem Riffhai, der nur wenige Meter von mir entfernt vorbeischwimmt. Ich halte es fast 3 Stunden im Wasser aus, derart fasziniert bin ich von der Unterwasserwelt, und das, trotz einer gewissen Strömung im Wasser und dem ständigen Regen. Doch trotz der Bewölkung habe ich am Abend einen ziemlichen Sonnenbrand…
Am Abend esse ich in einem kleinen Restaurant etwas entfernt vom Ressort.
Dabei habe ich erneut ein Gespräch mit dem Shuttlebusfahrer, einem echten australischen Original. Er redet gerne und Leute auszufragen ist sein liebstes Hobby. Als ich beiläufig erwähne, dass ich Tierarzt bin, muss ich natürlich sofort seinen Hund Tess untersuchen, da dieser ein dickes Ohr hat. Mein Verdacht bestätigt sich, denn der Hund hat eine Infektion in seinem linken Ohr, weswegen der Hund ständig kratzt und den Kopf schüttelt. Damit hat er einiges an Blut ins Ohr geschüttelt, zwischen Haut und Knorpel, das nun ein dickes Othämatom bildete. Auch der dazugehörige Lymphknoten war geschwollen. Was aber das wirklich Erstaunliche an diesem Busfahrer war, war der kleine Jutesack, der stets auf seinem Beifahrersitz lag. Darin befand sich eine grüne Baumpyton, die er eines Nachts auf der Straße gefunden hatte. Jeder Tourist kannte diesen Sack, und die Warnung, sich nicht darauf zusetzen und so geschah der armen Schlange auch nichts. Ich war jedoch der Einzige, für den er je den kleinen Sack geöffnet hat—darin eine kleine Schlange, an der ich keine äußere Verletzung erkennen konnte. Kurz vor meiner Abreise wurde sie dann wieder in den Dschungel entlassen.
Nach meinem Abendessen wollte ich wieder zurück zum Hotel fahren und außer mir waren nur noch drei ältere Damen da, die der Busfahrer unbedingt beeindrucken wollte. Es waren Stadtdamen aus Melbourne und mit ihnen hatte sich der Busfahrer offensichtlich angefreundet.
Statt uns also alle abends heimzufahren, bringt er uns zum Strand von Cape Tribulation, wo wir eine Mondscheinwanderung auf weißem Sand unternehmen. Romantik pur, denn es ist Vollmond, der sich wunderschön auf den Meereswellen wieder spiegelt. Leider endet die Romantik abrupt, als ich aufgefordert werde, ein deutsches Volkslied zu singen. Als ich aber nicht so recht will, beginnt der Busfahrer Elvis zu imitieren, in dem er „Muss i denn zum Städtele hinaus“ in einer völlig falschen Tonlage trällert. Mich wundert heute noch, dass ich keine Alpträume bekommen habe…
Musikalisch tobte ich mich in den folgenden Wochen und Monaten hauptsächlich an meinem Didgeridoo aus, mit dem ich noch immer sehr zufrieden bin. Ich bekam auch endlich einige Töne raus, aber von einem echten Sound konnte man noch lange nicht reden. So übte ich auch in meinem Bungalow, auch wenn ich befürchtete, Ärger zu bekommen. Als ich dann am Abend nach dem Abendessen meine Nachbarn treffe und sie frage, ob sie meine Didgeridoo- Klänge stören, ernte ich nur überraschte Blicke: „ Du hast ein Didgeridoo?
Nein, das hat uns nicht gestört… wir dachten, das wären die Frösche!“
Nun, das war ja jetzt nicht unbedingt ein Kompliment!
Das veranlasste mich, zurück in Cairns erst einmal etwas Unterricht in einem Didgeridoo- Laden zu nehmen und erfuhr dabei auch, dass mein Instrument ein tiefes „C“ von sich gab und relativ schwer zu spielen war, denn es ist gleich bleibend lang, dünn und gerade—
am besten lassen sich die Instrumente spielen, die sich nach vorne erweitern und verbreitern.
Dennoch bin ich von meinem Didgeridoo begeistert und übe auch in der Jugendherberge, wenn auch zum Leidwesen der anderen Gäste. Doch auch die fragen mich:
„ Hey, du hast ein Didj? Spielst du?“
Einzige Antwort von mir: „ Sicher!“ Töröö…
Leider kann ich mein Didj nicht als Handgepäck einchecken, da es zu lang und sperrig ist und so muss es auf dem Weg zurück in den Süden Australiens im Bauch des Flugzeugs mitreisen.